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Junge Menschen suchen mehr denn je nach Orientierung im Berufsleben. Sie probieren viel aus, planen eher in Monaten als in Jahrzehnten. Worin liegen die Ursachen? Eine Praktikantin aus dem Content Marketing sucht nach Antworten.

Es sind andere Gefühle, mit denen Sabrina an diesem Morgen die steile U-Bahntreppe hinaufsteigt. Drei Monate lang ist sie diesen immer gleichen Weg gegangen, aus dem Berliner Untergrund der Sonne entgegen, links das Café mit dem leckeren Kuchen, rechts das Museum, vor ihr die zur Arbeit hetzenden Menschenmassen. Sie war immer positiv gestimmt, doch heute mischt sich auch ein bisschen Wehmut dazu. Es ist ihr letzter Tag in der Agentur. Es ist 9.04 Uhr. „Höchste Zeit“, sagt sie. Es gibt noch viel zu tun. Als redaktionelle Praktikantin kennt Sabrina das auch gar nicht anders. Immer war ihr Tisch voll mit Aufgaben, zuverlässig kamen die Kollegen zu ihr und baten sie um Hilfe. „Ich habe mich immer als Teil des Teams empfunden“, sagt sie, während sie im Büro ankommt, ihr Mailprogramm öffnet und sich bereits die ersten Wünsche durchliest. Heute stehen noch Kurzmeldungen an, ein kurzes Telefoninterview und ein Text über Mineralölfasern. „Interessanter als man denkt“, sagt sie und lacht.

Sabrina ist 21 Jahre alt, Österreicherin und in den letzten Zügen ihres Bachelor-Studiums in Publizistik. Das Praktikum in der Agentur ist laut Studienplan Pflicht und soll jungen Menschen wie Sabrina bei der Orientierung helfen. Wo wollen sie beruflich hin? Welcher Bereich passt am besten zu ihnen? Wo liegen ihre größten Stärken? Junge Menschen suchen nicht nur die private Identität, sondern auch die berufliche. Die Jahre des Erwachsenwerdens sind eine Zeit voller Wankelmut, eine Zeit, in der sich Ansichten und Überzeugungen rasend schnell ändern. Auch Sabrina sucht noch nach der einen Identität, die ihr Halt gibt, die sie ausmacht und die sie definiert. Vor ihrem Praktikum in der Kommunikationsagentur dachte sie immer, sie würde irgendwann im Journalismus landen. Jetzt ist sie da nicht mehr so sicher.

Von weiten Landschaften und einer überschaubaren Anzahl Nachbarn – 800 um genau zu sein – zu einer dichten, von rund 3,5 Millionen überlaufenen Großstadt, so war es von Anfang an nicht geplant. Doch seit wann läuft alles nach Plan? Sabrina hat früh erkannt, dass sich Pläne schnell ändern und sie die Neugierde immer weiter vorantreibt. Fotos: privat

Gewissenhaft widmet sie sich ihren Kurzmeldungen, sie recherchiert telefonisch wie im Internet wichtige Veranstaltungstermine. Doch nicht nur das: Mittlerweile läuft sie mit einer Selbstständigkeit durch die Agentur, die eine gewisse Lässigkeit ausstrahlt. Sie nimmt Pakete an, hilft bei der Organisation von Kundenterminen und der Administration im Büro. Zeit für einen Kaffee aber bleibt immer. Sabrina hat sich sehr schnell an den Agenturalltag gewöhnt. Als sie anfing, trank sie alle zwei Tage mal einen Kaffee. Jetzt sind es drei Tassen pro Tag. „Bei mir ändert sich ständig alles“, sagt sie. „Ich bin auf der Suche.“ Ein Satz, der für so vieles stehen kann, aber sehr gut die Situation der Jugendlichen ausdrückt. Sabrina ist 1995 geboren und damit an der Grenze zwischen den Generationen Y und Z – jenen Generationen also, die Zwänge verabscheuen und lieber das machen, was sie wollen. Heranwachsende, von denen die Eltern nicht mehr wissen, welches Ziel sie eigentlich verfolgen.

Gehört sie auch dazu? Sabrina will sich nicht in eine Schublade stecken lassen, verrät sich dann aber doch mit einem Satz. „Ich will ein paar Sachen ausprobieren, bevor ich mich festlege.“ Den Heranwachsenden wird dieses Forschen nach Glück heutzutage oft fälschlicherweise als Ziellosigkeit ausgelegt. Dabei wollen sie im Beruf lediglich auch ihre Berufung finden, anstatt jeden Tag mürrisch zur Arbeit zu gehen. Die Karrieremotivation hat sich über die letzten drei Generationen stark verändert. Während für die Babyboomer langfristiger Wohlstand und Alterssicherung wichtig war, zählt für die Generationen Y und Z vor allem eine ausgeglichene Work-Life-Balance. An zweiter Stelle folgt der Wunsch nach einer inhaltlich getriebenen Selbstverwirklichung, erst danach äußern sie Karriereambitionen. Allzu lange hält sich Sabrina nicht an ihrem Kaffee auf. Auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz bekommt sie noch gleich eine Aufgabe mit: Sie soll Ausstellungen ausfindig machen, die sich mit dem Thema Technik beschäftigen. Sabrina setzt sich sofort an die Aufgabe. Bei Praktikanten sieht das wahrscheinlich zunächst noch anders aus mit der Work-Life-Balance und den Karriereambitionen. Sie müssen ranklotzen, um gute Zeugnisse und damit einen besseren Einstieg in das Berufsleben zu haben. Später muss Sabrina mit einem Kunden telefonieren und ein Interview führen. Kein Problem, sie macht das routiniert, schlagfertig. Als sie einmal einen unfertigen Text an einen Kunden mit der Bitte um Abnahme rausschickte, besänftigte sie ihn mit ihrem Charme. So schnell wie die Agentur sie lieb gewonnen hat, ist das auch andersherum der Fall. „Ich war sehr positiv überrascht. Ich hatte eigentlich keine hohen Erwartungen. Am Ende hat sich meine eingeschränkte Sichtweise geändert“, erzählt sie.

„Heute liegt die Betonung auf der lebenslangen Veränderlichkeit.“

Dabei hilft ihr auch die Großstadt. Sabrina lebt jetzt seit ein paar Monaten in Berlin, zuvor war Wien ihr Zuhause. „Ich habe mich zum Stadtmensch gewandelt, man lernt die Annehmlichkeiten schätzen“, sagt sie. Sabrina hat 18 Jahre lang in einem Dorf an der österreichisch-ungarischen Grenze gelebt. 800 Einwohner. Viel Freiheit, viele Tiere, viel Natur, viel Einöde. Zwei Dinge waren früh klar für sie. Erstens: Sie will nicht in die Stadt. Denn: „Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt.“ Zweitens: Sie will Autorin werden. Denn: „Schon als ich klein war, habe ich allen erzählt, dass ich gern Märchen schreiben möchte.“ Beide Ziele sind mittlerweile überholt.

Weil sich Sabrina geändert hat, so, wie es für einen jungen Charakter ganz normal ist. Früher gingen Identitätstheorien davon aus, es gebe eine Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen. Deshalb wurde wissenschaftlich auch besonders die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen untersucht, weil man annahm, dass der Entwicklungsprozess irgendwann zu einem Ende kommt – man sprach dann von einer „gefestigten Persönlichkeit“. Heute liegt die Betonung auf der lebenslangen Veränderlichkeit. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp spricht von der „Patchwork-Identität“ des heutigen Menschen. Diese sei immer gekoppelt an die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen.

Die Zigaretten, Sabrina weiß es, sind ein Laster. Sie hat gerade noch ein Interview transkribiert, schwer verständlich teilweise, deshalb macht sie jetzt fünf Minuten Pause. Vier, fünf Zigaretten sind es pro Tag, diese Zeit gibt ihr die Ruhe, um über das Geschehene nachzudenken. „Früher war ich immer fest entschlossen, wusste immer genau, was ich machen will“, erzählt sie. „Jetzt bin ich offener, nicht so festgelegt, eigentlich das Gegenteil. Ich habe festgestellt, dass ich so einfacher durch den Tag komme.“ Einen groben Plan für die nächsten Jahre, den hat sie immerhin. Sie will ihren Bachelor machen, drei Jahre später den Master. In fünf Jahren möchte sie fest im Berufsleben integriert sein. Wie sie das umsetzen will, ist allerdings noch offen. Sabrina zieht einen letzten Zug an ihrer Zigarette, denkt kurz nach und sagt: „Ich bin ja jetzt variabler.“

Endstation? Nein, Sabrina ist gerade erst losgefahren und ist schon gespannt, wo ihr Lebensweg sie noch hinführt. Fotos: privat

Ist das nun ein Vorteil oder Nachteil? Ein Vorteil, weil Polyvalenz heutzutage gewünscht ist. Wer viel kann, wird vom Arbeitgeber bevorzugt. Wer viel kann, weiß am Ende aber vielleicht auch nicht mehr, wo er eigentlich hingehört. Wie düster die Aussichten im Journalismus, ihrer Herzensangelegenheit, sind, erschreckt Sabrina ein bisschen. Dass Journalisten in ihre Agentur gewechselt sind, macht ihr Mut. „Ich finde es nicht schlimm, viele Möglichkeiten zu haben. Da kann ich mich bei der Jobsuche breiter aufstellen“, sagt sie.

Während es draußen langsam dunkel wird, erledigt auch Sabrina ihre letzten Arbeiten. Sie nimmt noch ein paar Pakete entgegen, bringt die Post weg, verfasst einen kleinen Text für ein Magazin. Mit jeder Minute wird ihr klarer, dass diese Zeit zu Ende gehen wird. Die ihr aber auch viel gegeben hat. Sie hat ihren Horizont erweitert, sich weiterentwickelt. „Ich glaube, das werde ich noch öfter tun“, sagt Sabrina. „So einige Umschwünge werden wohl noch kommen. Ich bin ja noch jung.“

Die Verabschiedung naht, der Moment, vor dem ihr lange graute. Zusammen stößt sie noch mit den Kollegen auf ihre drei Monate in der Agentur an, man erinnert sich an die schönen Momente. Als Geschenk bekommt sie das Buch „Deutsch für junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt“ von Wolf Schneider. Im Bereich des Schreibens, das weiß Sabrina, möchte sie auf jeden Fall bleiben. Es ist 19.12 Uhr, der letzte Tag ist nun auch vorbei. Noch einmal geht sie hinaus auf die Straße, vorbei an den Menschenmassen, dem Museum, dem Café. Geradewegs in eine spannende Zukunft.

Studiengänge Content Marketing / Digitale Kommunikation

1. HAW Hamburg, Master Digitale Kommunikation 
Vom Digital Native zum Kommunikationsprofi für die digitale Medienzukunft: Im Sommersemester 2017 startet das Competence Center Communication (CCCOM) im Department Information der HAW Hamburg den zweijährigen Masterstudiengang Digitale Kommunikation. Auf höchstem inhaltlichen und technischen Niveau wird dort international wettbewerbsfähiger Nachwuchs in den entscheidenden Arbeitsfeldern digitaler Kommunikation ausgebildet. www.haw-hamburg.de/dmi-i/studium/studiengaenge/diko-ma.html

2. Leipzig Schoof of Media, Journalismus, Marketing, Medientechnik, Unternehmenskommunikation und PR berufsbegleitend studieren 
Die Leipzig School of Media (LSoM) bietet insgesamt vier Masterstudiengänge an. Die Studiengänge richten sich an Arbeitnehmer und Unternehmen aus den Bereichen Journalismus, Marketing, Medientechnik, Unternehmenskommunikation sowie PR. Die Studiengänge sind als berufsbegleitendes Angebot konzipiert, eine feste Anstellung ist jedoch keine Voraussetzung. Zentrales Ziel der LSoM ist es, Unternehmen und Organisationen bei der Bewältigung des digitalen Wandels und seiner Folgen zu unterstützen.  www.leipzigschoolofmedia.de/masterstudiengaenge.html

3. FH Johanneum Graz, Österreich, Department für Medien & Design/Masterstudiengang

Durch das Web ist jedes Unternehmen auch ein Medienunternehmen geworden. Als solches braucht man erstklassige Content-Strateginnen und -Strategen. Die Fachhochschule in Graz bietet als berufsbegleitendes Studium die erste akademische Ausbildung in Europa, die dafür ausbildet. fh-joanneum.at/content-strategie-und-digitale-kommunikation/master/


TINO SCHOLZ

TINO SCHOLZ

ist Senior Editor bei muehlhausmoers in Berlin. Er denkt jeden Tag in Thesen und Texten. Seit er 7 Jahre alt ist.