DIE MENSCHEN

suchen mehr denn je

nach Halt

Nationalstolz ist für das Gros der Staaten eine Selbstverständlichkeit. Deutschland ist in diesem Punkt aber seit Jahren das Schlusslicht. Warum? Der Identitätsforscher Professor Dr. Ulrich Schmidt-Denter über den Begriff der Identität, die Ängste des „verflüssigten“ Menschen und weshalb Einheimische wie Migranten so sehr mit dem Deutschsein fremdeln.

Herr Professor Dr. Schmidt-Denter, ist es ein Trugschluss zu glauben, der Identitätsbegriff sei in Zeiten der Globalisierung altmodisch geworden?

Eine Zeit lang haben Sozialwissenschaftler tatsächlich die These vertreten, dass der klassische Begriff der Identität überholt sei. Durch Prozesse wie Modernisierung, Globalisierung und Pluralisierung schienen stabile Selbstkonzepte, an denen man sich orientieren kann, nicht mehr so wichtig. Personen sollten flexibel sein, vor allem im Hinblick auf Jobs, und so wurde der Begriff der Patchwork-Identität geprägt.

Was geschah dann?

Die weitere, vor allem jüngere Entwicklung hat paradoxerweise dazu geführt, dass der Identitätsbegriff aktueller als jemals zuvor ist. Die Ursache liegt darin, dass dieselben Prozesse, die vorher als kontraproduktiv genannt wurden, einen Wandel herbeigeführt haben. Es scheint so, als bräuchten die Menschen wieder mehr eigene Struktur gegenüber der Zufälligkeit der Umwelt.

Warum?

Der Mensch muss flexibler sein als früher, er hat sich ja auch adaptiv an die Modernisierungsprozesse angepasst. Das geht aber nur bis zu einem kritischen Punkt. Danach beginnt ein Prozess, der die psychische Organisation gefährdet. Dann versucht der Mensch gegenzusteuern, seine eigene Organisation zu stärken, um gegen die Unberechenbarkeit der Umwelt bestehen zu können.

Dieser Punkt ist überschritten?

Ja, es scheint so zu sein. Und das weltweit, nicht nur in Deutschland oder Europa. Prozesse wie Suche nach Identität, Traditionalisierung, Renationalisierung haben sich weltweit nachweisbar verstärkt.

Das heißt, der Widerstand gegen die zunehmende globale Uniformität wird zunehmen?

Ja, das dürfte so kommen. Ich war letztens in Indien und war überrascht, wie vehement dort eine Debatte um kulturelle Identität geführt wird. Die Welt ist im Fluss, allem Anschein nach zu schnell. Sie wird als unüberschaubar wahrgenommen. Die Menschen suchen wieder nach Halt, wahrscheinlich mehr denn je. Das ist ein Überlebensmechanismus. Verflüssigte Personen kann es auf Dauer nicht geben.

Die Identität ist ein oft benutzter Begriff. Wissen wir überhaupt noch, wofür er eigentlich steht?

Jeder Forscher definiert diesen anders. Was alle eint, ist die Definition der Identität als Repräsentation des Selbst, als einer Vorstellung von der eigenen Person. Es ist unstrittig, dass sich eine Identität entwickelt, sobald man über sich nachdenkt, sich selbst reflektiert.

Welche Möglichkeiten gibt es, über die man sich identifizieren kann?

Diese sind vielfältig. Sie hängen vor allem mit relevanten Erfahrungen zusammen, die wir ein Leben lang machen. Wir vergleichen uns dabei mit anderen. Ein Jugendlicher etwa macht die Erfahrung, dass er gut in Deutsch und Englisch ist, aber Probleme in Mathematik hat. Dann wird er eher in Richtung Sprachen geprägt. Wichtig ist auch die Unterscheidung von personaler und sozialer Identität. Personale Identität gibt die Antwort auf die Frage, wer ich bin. Die soziale Identität stellt die Frage: Wozu gehöre ich? Welcher Gruppe gehöre ich an, von welcher grenze ich mich ab? Das kann die Mitgliedschaft im Tennisverein betreffen, aber natürlich auch die Zugehörigkeit zu einer Nation oder Religion.

„Die Abschottung der eigenen Nation ist in geringstem Maße ein deutsches Phänomen.“

Die Frage der nationalen Identität nimmt gerade in Europa wegen der Flüchtlingssituation eine große Rolle ein. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein?

Durch die Berichterstattung bekommt man ja mit, dass es auch Gegner dieser Entwicklung gibt. Was wir aber festhalten müssen, ist, dass relativ viele Menschen hierzulande die Willkommenskultur tolerieren und unterstützen. Die Frage nach der Abschottung der eigenen Nation ist in geringstem Maße ein deutsches Phänomen - wenn man den Vergleich zu anderen europäischen Staaten heranzieht.

Was genau meinen Sie?

Als wir vor einigen Jahren die Ergebnisse unserer europäischen Identitätsstudie veröffentlichten, rief genau das schon Überraschung hervor. Die Deutschen offenbarten im Europavergleich das stärkste Maß an Fremdenfreundlichkeit - gewohnt waren wir ja eigentlich, als fremdenfeindlich dargestellt zu werden. Heute, im Rahmen der ausgerufenen Willkommenskultur, wundert das niemanden mehr. Im Gegenteil: Diese Form der Willkommenskultur ist schon eher ein deutscher Alleingang.

Die einen Reputationsgewinn zur Folge hat?

Bei der Fußball-WM 2006 beispielsweise hat sich gezeigt, dass fröhliche und weltoffene Deutsche sehr gut ankommen. Mit der jetzigen Willkommenskultur ist das sehr fraglich.

Warum?

Durch den mit Risiken behafteten Alleingang fühlen sich andere Staaten bedroht. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit einer niederländischen Journalistin gehabt. Sie fürchtete, dass die Flüchtlinge, die hier in Turnhallen leben, woanders hingehen könnten, wo es angenehmer sei. Die Niederlande etwa. Die Toleranz ist in vielen traditionell weltoffenen Ländern Vergangenheit. Sei es die Niederlande, die skandinavischen Länder oder auch Frankreich.

Wenn Sie die deutsche Identität beschreiben müssten, wofür würde diese stehen?

Der Nationalstolz unterliegt einem epochalen Wandel. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war es der wirtschaftliche Aufschwung, über den man sich in der BRD identifizierte. Bei neueren Untersuchungen steht noch immer der Fall der Mauer weit oben, auch die Leistung von Sportlern wie der Fußballnationalmannschaft nimmt einen wichtigen Rang ein. Schlusslicht ist und bleibt allerdings die deutsche Geschichte. Da ist die Identifikation ganz schwach ausgeprägt. Sie wird stets mit dem Dritten Reich assoziiert. Nicht mit den restlichen 2.000 Jahren.

Das Dritte Reich gehört immer noch zu unserer Identität, obwohl schon mehrere Generationen mit den Gräueltaten nichts mehr zu tun hatten?

Das hängt unter anderem mit der öffentlichen Inszenierung zusammen. In einer unserer Medienanalysen ermittelten wir eine mediale Dauerpräsentation des Themas. Im Schulunterricht werden der Holocaust und das Dritte Reich ebenfalls in diversen Fächern sehr intensiv behandelt. Dahinter stecken pädagogische Motive, wonach nicht nur über eine historische Epoche informiert werden soll, sondern der Anspruch besteht, daraus im Hinblick auf ethnische Pluralität und Toleranz zu lernen. Nach unseren Untersuchungen werden aber Nebeneffekte dadurch übersehen. Diese äußern sich in einer verunsicherten nationalen Identität.

Und das hat, wie aus einer Ihrer Untersuchungen hervorgeht, auch Einfluss auf die Migranten?

Ja, diese haben wir aber vor dem jetzigen Flüchtlingsstrom gemacht. Migranten haben häufig eine bikulturelle Identität, das heißt, sie haben Verbindungen zu ihrer Herkunftskultur, aber auch zu ihrem neuen Land. Sie gehen mit dem selbstverständlichen Stolz der alten Kultur auch an die neue heran. Doch in Deutschland merken sie plötzlich, dass sie damit alleinstehen. Dass es gar verpönt ist, stolz zu sein. Deutschland ist in Untersuchungen Schlusslicht, wenn es um den Nationalstolz geht. So etwas verunsichert die Migranten. Sie konzentrieren sich dann lieber auf ihre eigene Kultur und erleben den deutschen Umgang mit der eigenen Geschichte als abschreckend.

Gibt es eine Chance, dass sich dieser Zustand ändert?

Diese besteht sicherlich. In der Analyse der Fußball-WM 2006 haben wir gesehen, wie schnell so etwas kippen kann zu einem positiven Deutschlandbild.

Nur wegen der WM?

Nein, das Grundbedürfnis dazu ist ja da. Als wir Jugendliche rund um dieses Turnier, sowohl Deutsche als auch Migranten, fragten, ob sie stolz auf Deutschland seien, sagten viele: Nein. Dann fragten wir: Ist das richtig? Sollte das nicht anders sein? Deutsche wie Migranten sagten: Das stimmt, es sollte sich etwas ändern. Aber sie sagten auch, sie könnten es nicht ändern. Das Gefühl der Befangenheit stecke ihnen zu tief in den Knochen.


TINO SCHOLZ

TINO SCHOLZ

ist Senior Editor bei muehlhausmoers in Berlin. Er denkt jeden Tag in Thesen und Texten. Seit er 7 Jahre alt ist.