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Alexander Moers ist unser Mann in Südamerika. Genauer gesagt in São Paulo. In der Serie „Noticias Do Brasil“ berichtet er für uns regelmäßig über das Leben in seiner Wahlheimat Brasilien und über den Alltag in einer Werbeagentur.

Hier bin ich also, mitten in Brasilien. Was als Praktikum begann, ist nun mein Lebensmittelpunkt. Schon seit anderthalb Jahren. Das Ganze klingt nach einem Abenteuer – und das ist es auch, zumindest teilweise. Ich werde hier ab sofort einen Einblick in das Leben geben, sowohl innerhalb, als auch außerhalb meines Büros. Ich werde über die Kultur in Brasilien genauso berichten wie über die Arbeitsabläufe in einer Werbeagentur. Dieser erste Text beschäftigt sich mit der Beantwortung der wohl offensichtlichsten Frage: Wie funktioniert es, dass ein Deutscher in Brasilien in der Kommunikation arbeitet? So viel vorneweg: Es funktioniert super.

Es ist im Grunde gar kein großes Problem, weltweit in der Kreativbranche zu arbeiten. Ich glaube, das hat weniger damit zu tun mit wem man arbeitet, sondern damit, wo man arbeitet und was man für ein Verständnis von der lokalen Kultur, dem Markt und den Kunden hat. Ich bin viel rumgekommen: Hamburg, Berlin, New York, jetzt São Paulo. Hier passt es für mich.

Ich arbeite als Art Director in einer Werbeagentur, die sich auf Online-Marketing und Werbung spezialisiert hat. Das Tagesgeschäft besteht aus dem Designen von Websites, Apps und Social-Media-Feeds. In der Konzeption kümmere ich mich zum größten Teil um Langzeitprojekte wie Internetplattformen oder der Arbeit an Pitches. Also ein breites Spektrum an Jobs, die auf der gesamten Welt erledigt wird. Und überall mehr oder weniger gleich sind.

Nach Brasilien gekommen bin ich wegen meines Studiums, in dessen Rahmen ich drei dreimonatige Praktika absolvierte: in Berlin, in New York und eben São Paulo. Vor allem die Arbeit in den USA war eine besondere Erfahrung. Was mir sofort auffiel, war die Selbstverständlichkeit und ständige Erwähnung von Twitter. Das Soziale Netzwerk spielt in den USA eine enorm wichtige Rolle und hat einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. In New York hatte ich das Gefühl, das man versucht, die Mitarbeiter auch neben dem Tagesgeschäft für das digitale Zeitalter zu sensibilisieren, In der Agentur wurden ständig Vorträge angeboten, zum Beispiel von Produktionsfirmen, die 3D-Animationen für Einspieler von TV-Serien (etwa Game of Thrones) entwickeln.

Die Zeit in den USA war spannend, obwohl uns Europäern die amerikanische Kultur durch Musik, Filme sowie sonstige Medien ja schon bekannt ist. Ich habe daher schon immer das Ziel gehabt, einmal in einer Stadt wie Istanbul, Mexico City oder São Paulo zu leben und zu arbeiten. Bevor ich also nach Deutschland zurückkehrte um mein Studium zu beenden, wollte ich noch einmal etwas ganz anderes kennenlernen. Meine Wahl fiel auf São Paulo.

São Paolo ist eine grenzenlose Megastadt, die weiter wächst und sich daher rasant verändert. Riesige Wohnanlagen quetschen sich zwischen Einfamilienhäusern. Reiche und Arme wohnen und arbeiten oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Blick über Vila Anglo Brasileira am Abend. Die ehemalige Favela wurde in den vergangenen Jahren durch ihre Nähe zum hippen Vila Madalena stark gentrifiziert. Mit seinen vielen Ateliers, Galerien, Restaurants und Bars, gehört Vila Madalena zu den angesagtesten Gegenden der Stadt. Hier haben sich auch viele Agenturen angesiedelt.

Die Stadt ist eine der interessantesten Street Art Metropolen weltweit. Zusätzlichen Schub bekam die Szene durch das 2006 verhängte Verbot für Aussenwerbung. Billboards, Megalights usw. gibt es nicht mehr im öffentlichen Raum. Die freien Flächen werden oft von Graffiti Künstlern okkupiert.

Im Stadtteil Liberdade leben viele japanische Einwanderer. Sie kamen überwiegend in den 20er/30er Jahren und bilden heute im Bundesstaat São Paolo die größte japanische Gemeinde ausserhalb Japans. Liberdade ist seit den Fünfzigern ihr kulturelles Zentrum. Heute ist der Stadtteil ein quirliges little Asia, mit neuen Einwanderern aus China, Korea und anderen asiatischen Ländern. Die vielen Läden und Restaurants sowie der Straßenmarkt „Feira da Liberdade“ am Wochenende geben einen guten Einblick in das Leben der Menschen.

Dass ich immer noch hier bin sagt wohl alles darüber aus, wie gut es mir in Brasilien gefällt. Nach meinen ersten drei Monaten hatte ich das Gefühl, noch nicht fertig zu sein. Ich beschloss nach meinem Praktikum auch beruflich Fuß zu fassen und vorerst nicht nach Deutschland zurückzukehren. Mein Übergang vom Praktikum zum Beruf ging dabei relativ einfach, meine Agentur hat mich da sehr unterstützt. Die Brasilianer sind ein unheimlich gastfreundliches und hilfsbereites Volk und ich wurde überall stets mit offenen Armen empfangen.

Aus den drei Monaten sind nun fast anderthalb Jahre geworden. Ich bin gerade zu einer Zeit hier, in der sich viel bewegt. Strukturen werden aufgebrochen, zuvor einzelne Teams mehr und mehr zusammengeführt – eine Form des Co-Workings, die ich schon im Studium gelernt hatte. Gerade aufgrund der technischen Veränderungen ist es wichtig, dass wir in der Kreation auch mit Programmierern, UX-Designern oder auch Account-Managern zusammenarbeiten, anstatt einfach nur unsere Ideen abzuliefern. Die neueste Entwicklung zu mehr Miteinander ist sehr positiv – und sie befördert die Internationalität dieser Branche.

Ich bin auch dadurch mittlerweile im Alltag angekommen. Ich kommuniziere fast nur noch auf Portugiesisch und finde mich auch in der Megacity São Paulo gut zurecht. Ich habe meinen Aufenthalt hier erst einmal auf das Jahr 2016 beschränkt und werde dann sehen wie es weitergeht. Was meinen Lebenslauf angeht, glaube ich, dass es die beste Entscheidung war, hier zu bleiben. Auch Privat habe ich herausgefunden, dass es mir unheimlich viel Spaß macht, Sprachen zu lernen und eine neue Kultur zu entdecken. Meine Zeit in Brasilien ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die ich jedem empfehlen kann. Ich für meinen Teil habe das Land definitiv ins Herz geschlossen – und werde ich euch von nun an regelmäßig an dieser Stelle über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

Guerilla-Gardening, eine vielfältige Subkultur, Kreativ- und Musikszene sowie Kunst und Kultur... Brasilien mag zwar ein krisengeschütteltes Schwellenland sein, São Paulo spielt in diesen Bereichen trotzdem weltweit eine wichtige Rolle. Diese wird weiterhin wachsen. Dafür sorgen – trotz Armut und Korruption – die veränderungswilligen kreativen Kräfte der Stadt.


ALEXANDER MOERS

ALEXANDER MOERS

lebt seit 2015 in Brasilien. Dort arbeitet er in der Werbebranche. Dem Sprichwort „In São Paulo wird gearbeitet, in Rio gelebt“ stimmt er zu. Aber zum feiern kommt er dennoch. Die Paulistanos nutzen dafür jede Gelegenheit und die Clubszene ist besser als in New York.