HINEIN

INS Herz

Sechs Muslime erzählen, warum sie zum Islam konvertiert sind – und in ihm ihre Identität gefunden haben.

In bewegten Zeiten wie diesen ist das Verständnis für Muslime schon fast es ein Tabuthema. Doch warum eigentlich? Die freie Fotografin Ayse Tasci hat Menschen porträtiert, die den Glauben des Islam angenommen haben. Diese Menschen leben inzwischen seit mindestens 25 Jahren als gläubige Muslime. Sie sind Deutsche und kommen aus verschiedenen Konfessionen. Allen gemeinsam ist, dass sie lange Zeit nach einer spirituellen Heimat gesucht haben. Am Ende haben sie sich im Islam beziehungsweise im Sufismus wiedergefunden. Dabei handelt es sich um eine Strömung innerhalb des Islam, die versucht, Gott mit dem Herzen zu erfahren. Der Sufismus wird deshalb auch als „der innere Weg des Islam“ oder „der Weg des Herzens“ bezeichnet.

AHMED

Ich bin durch meine Eltern katholisch aufgewachsen, hatte mit der Kirche aber nie etwas am Hut. Ich hatte kein Erweckungserlebnis in dem Sinn, war nicht auf der Suche. Ich war aber immer offen. Es gab die Situation, dass ich einmal mit meiner Frau zu einem Scheich nach Zypern gereist bin. Es war nicht so, dass ich gesagt habe: wie toll. Das alles hat mich aber auch nicht kalt gelassen. Es war eher eine stille Attraktivität. Ich wollte mehr wissen. Es ist wie eine Vervollständigung des Glaubens, den man ohnehin in sich trägt. Viele Dinge dauern nicht mehr so lange wie früher und dadurch haben viele Menschen Zeit für weitere Dinge oder einfach für Neues. Aber wir wissen auch, dass das Auffassungsvermögen der Menschen nicht unendlich ist und dass wir sie mit unseren Botschaften nicht überstrapazieren dürfen.

„Es ist wie eine Vervollständigung des Glaubens, den man ohnehin in sich trägt.“ – Ahmed A.

SAJIDAH

Ich bin streng katholisch aufgewachsen und fühlte mich in der Religion als Kind sehr wohl. Während des Erwachsenwerdens wollte ich aber nichts mehr mit der Religion zu tun haben. Es gab viel Zwang, jedoch ohne Inhalt. Und dann habe ich mich auf die Suche gemacht. Über Freunde lernte ich einen Bekannten kennen, der den Sufismus gelehrt hat. Der erzählte auch von dem Sufiweg. 1988 hab ich schließlich das Glaubensbekenntnis abgelegt, vielleicht auch ein bisschen früher. Dann bin ich auch aus der Kirche ausgetreten.

WARDA

Mein Leben hat sich durch den Sufismus, den Islam grundlegend verändert. Man muss sehr stark sein im Glauben, um das zu überstehen. Alle Freunde wenden sich ab. Meine Eltern hatten Probleme damit, was sie so nicht direkt sagten, aber mir immer zu verstehen gaben. Ich habe dann meinen heutigen Mann kennengelernt, da war ich schon auf meinem Weg. Ich habe nur gedacht: Wie soll das nur funktionieren? Er hat gesagt: Wenn Du ein Kopftuch trägst, sind wir nicht mehr zusammen. Erst habe ich meinen Glauben heimlich gelebt. Irgendwann habe ich klar gesagt: Ich habe meinen Weg, den gehe ich. Du musst dich entscheiden. Für ihn war es schließlich ok.

ABDURRAHIM

Ich bin katholisch aufgewachsen, war Ministrant. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass in der Kirche einiges nicht stimmt. Also habe ich das dann auch beendet. Ich lebte als Atheist, bis ich zu einem Heilpraktiker kam. Nach einigen seiner Seminare und Beratungen hörte ich nur noch einen Satz: „Es gibt Gott, es gibt Gott.“ Ich machte mich auf die Suche, war bei den Buddhisten, den Hindus. Später lernte ich bei einer beruflichen Ausbildung eine Frau kennen, die in einem Kurs Mützen häkelte. Ich fragte sie nach einer. Nach sechs Wochen sah ich sie wieder im Kurs, sie hatte die Mütze dabei. In derselben Woche ging ich freitags zu einem Vortrag des Beauftragten des Scheichs, und Alle trugen Mützen. Es war ein offenkundiges Zeichen für mich. Ausgerechnet in dieser Woche hatte ich meine Mütze bekommen. Ich hörte zu, ich wusste, das ist mein Weg.

AHMED PETER

Von 1962 bis1963 habe ich in Ägypten ein Praktikum gemacht und bin durch das Land gereist. Die Gastfreundschaft der Muslime hat mich sehr beeindruckt. In den Achtzigerjahren hatte ich dann eine schwierige Situation in meinem Leben und wollte nach Indien, weil das damals viele gemacht haben. Über eine Bekannte bin ich aber in Berlin-Kreuzberg zu einem Sufi gekommen, der Meditationen anbot. Gerade einmal fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt! Und dann war ich plötzlich dort zu Hause. Danach habe ich auch bald mein Glaubensbekenntnis abgelegt.

SILVIA ALPERS KREUSCH

Den Islam habe ich durch meinen Mann kennengelernt. Ich hatte keine Ahnung davon, in den Schulen wurde ja nie darüber gesprochen. Er selbst war fünf Jahre zuvor übergreteten zum Islam. Was er mir über den Islam und den Sufismus erzählt hat, berührte mich und ich dachte: Das ist das, was ich immer gesucht habe. Ich habe lange nach dem Sinn des Lebens gesucht, viel ausprobiert, aber das Richtige war nie dabei gewesen. Bei diesem Weg nun hatte ich erstmals das Gefühl, dass alles passt. Ich habe nicht über die Regeln, also die orthodoxe Seite zum Islam gefunden, sondern über die Geschichten, die ich über die Barmherzigkeit Allahs und die Heiligen gehört habe.

Menschen und ihre Geschichten in Szene zu setzen, ist für die Fotografin Ayse Tasci ein besonderes Anliegen. 1983 in Aydin in der Türkei geboren, lebt Ayse Tasci seit 2003 in Deutschland und hat an der Folkwang Universität der Künste in Essen Fotografie studiert. Ihre Abschlussarbeit „caprasik-verwickelt“ von 2010 ist im Badisches Landesmuseum in Karlsruhe als Dauerausstellung zu sehen. 

Neben ihren Auftragsarbeiten realisiert Ayse Tasci freie Projekte mit gesellschaftskritischen, sozialen, interkulturellen und interreligiösen Themen. Ihre Bilder wurden bisher in zahlreichen Magazinen und Zeitungen veröffentlicht wie z. B. in der Wochenzeitung „Die Zeit/Christ und Welt“ in dem Debattenmagazin „The European“, „Focus“ und in dem Nachrichtenportal „spiegel online“.


AYSE TASCI

AYSE TASCI

arbeitet als freie Fotografin in den Bereichen Porträt und Reportage und Unternehmenskommunikation unter anderem für muehlhausmoers.