Generationen. Alles verschwimmt.

Können Jugendliche heute überhaupt noch rebellieren? Daniel Schneider, Projektleiter im Archiv der Jugendkulturen, erzählt im persönlichen Gespräch, wie sich Jugendkulturen im Laufe der Zeit verändert haben.

Herr Schneider, im Archiv für Jugendkulturen sammeln Sie Artefakte jugendlichen Aufbegehrens. Aber was genau macht eine Jugendkultur aus? Traditionelle Jugendkulturen sind Zusammenschlüsse von Jugendlichen, die oft die gleiche Lebenseinstellung und Werte teilen. Bei den historischen Jugendkulturen war vor allem die Opposition zum Mainstream und zur Elterngeneration wichtig. Jugendkulturen sind aber nicht nur Interessengemeinschaften.

Sondern? Eine Jugendkultur beschreibt ein Lebensgefühl. Sie war schon immer eng mit US-amerikanischer und britischer Popkultur verbunden und dreht sich um eine eigene kulturelle Form wie Musik und Mode. Aber auch Freizeitaktivitäten, etwa eine Sportart, können eine zentrale Rolle spielen und Jugendliche vereinen. Sich als Punk, Metal-Fan oder Skateboarder zu definieren, schafft eine Identität. Die Zugehörigkeit zu einer Community sorgt außerdem für Anerkennung bei Dingen, für die man in der Schule oder der Familie keine Anerkennung erfährt.

Mit welchen Mitteln versuchen sich Jugendliche vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen? Für Jugendkulturen ist es typisch, etwas Existierendes zu benutzen und kreativ umzuwandeln, um sich gegen die Eltern und den Mainstream aufzulehnen. Da die Entwicklung von Jugendkulturen nicht nur eng mit der Pop-kultur, sondern auch dem Zugang zu Konsumgütern verbunden ist, konnten Jugendkulturen erst nach dem Zweiten Weltkrieg ihren richtigen Durchbruch feiern. Zu der Zeit schwappte der Rock’n’Roll nach Deutschland, und es entstand eine der bedeutendsten Jugendkulturen. Jugendliche konnten mit der Musik und dem Tanz sehr gut provozieren. Die Musik galt als so unerhört, dass meine Eltern für das Hören von Rock’n’Roll von ihren Eltern sogar mit Schlägen bestraft wurden. Das ging vielen so.

Mit Musik konnte man also gut aufbegehren. Ja, aber auch mit Mode konnten Jugendliche rebellieren. Wie etwa mit der schwarzen Lederjacke in den 50er Jahren oder der Haartolle nach James Dean. Als Rockmusik in den 60er Jahren entstand, ließen sich Männer die Haare lang wachsen. Das führte zu großer Empörung. In den 70er Jahren hat das nicht mehr ausgereicht, weil die Haarpracht im Mainstream angekommen war. Dafür sorgten Punks mit ihrem kaputten Look aus zerfledderter Bekleidung, Sicherheitsnadeln und gefärbten Haaren für Aufsehen.

Daniel Schneider ist Projektleiter des „Pop- und Subkulturarchivs International“ im Archiv der Jugendkulturen in Berlin. Der 39-Jährige studierte Europäische Ethnologie und Nordamerikastudien und setzte sich schon währenddessen intensiv mit Jugendkultur, Popkultur und Subkultur auseinander. Er selbst gehörte aber nie einer Jugendkultur an.

Jugendliche spielten also vor allem mit gesellschaftlichen Tabus. Können Jugendliche heute noch rebellieren? Ich glaube, es ist schwer geworden, weil inzwischen alles im Mainstream angekommen ist – ob Black Metal, Punk oder Techno. Damit kann man in Deutschland nicht mehr schockieren. Außerdem waren viele der heutigen Eltern früher ja selbst Anhänger einer Jugendkultur. Dadurch ist die Erziehung toleranter. Eltern sind heute eher schockiert über die Mainstream-Musik und die Angepasstheit ihrer Kinder.

Warum sind Jugendliche denn so angepasst? Unsere Welt ist so unübersichtlich, vielschichtig und schnelllebig geworden, dass es Jugendlichen schwerfällt, sich auf einen Aspekt zu fokussieren. Außerdem ist es schwer, überhaupt einen Weg zu finden, etwas zu verändern. Das frustriert. Viele Dinge, gegen die in den 50er, 60er und 70er Jahren rebelliert wurden, sind heute erreicht. Freiheiten wurden erkämpft. In großen Zügen herrscht deshalb die Mentalität, sich dem Konsum hinzugeben, auf alles zu scheißen und zu kapitulieren. Wo früher Aggressivität war, herrscht heute Depression.

Wo merkt man das besonders stark? Resignation, Gleichgültigkeit und Frust ist bei Trap Music (ein Subgenre des Hip-Hop, Anm. d. Red.) besonders spürbar. Beispielsweise bei Rappern wie Post Malone. Er rappt darüber, dass er der Tollste ist. Gleichzeitig wählt er eine Tonlage, die so melancholisch ist, dass man denkt, er wolle sich umbringen. Die Musik und der Inhalt passen teilweise nicht mehr zusammen.

Aber entsteht durch den Widerspruch von Inhalt und Musik nicht wieder etwas Neues? Eigentlich wird alles nur recycelt, zitiert und durchmischt – ob in der Mode oder Musik. Das ist noch ein Problem. Einige Kulturforscher sind sogar der Meinung, dass seit Anfang der 2000er Jahre nichts Neues mehr entstanden ist. Und, dass nur noch ein Retrophänomen das nächste jagt. Fest steht, dass sich die einzelnen Gruppen früher stärker voneinander abgrenzten.

Und dadurch können sich Jugendliche schlechter orientieren? Auch. Aber vor allem werden sie gleichförmiger, weil eben auch die Musik, Mode und Kultur angepasster ist. Wer die Chart-Musik von heute mit der Chart-Musik Anfang der 90er Jahre vergleicht, sieht einen großen Unterschied. Bands wie Nirvana hätten heute keine Chance mehr, da sie zu anders wären.

Heute ist die Medienauswahl endlos. Genau. Jugendliche konsumieren und produzieren Kultur durch das Internet und soziale Medien ganz anders als früher. Und fast ausschließlich online und nicht analog. Alte Instanzen verlieren an Bedeutung. Jugendliche schauen kein Fernsehen mehr, weil es nur etwas für „alte Menschen“ ist. Wohingegen die Bravo oder MTV halfen, Jugendkulturen populär zu machen, ist diese Art von Massenmedien heute nicht mehr relevant. Das Internet und Social Media haben die Rolle übernommen. Das finde ich problematisch.

Warum? Im Internet fehlen teilweise die Gatekeeper, die die Fülle von Inhalten filtern. Es passiert häufig, dass Inhalte auf Jugendliche einprasseln, die politisch schwierig sind. So verbreiten sich zum Beispiel Verschwörungstheorien, sehr konservative Inhalte und Schubladendenken. Jugendliche können häufig nicht differenzieren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist im Zweifel genauso glaubwürdig wie ein verschwörungstheoretisches Medium. Aber die heutigen Jugendlichen sind daran nicht schuld. Sie haben die Medien nicht erfunden. Wir müssen ihnen die Kompetenz zur Nutzung beibringen.

Viele Eltern verbieten ihren Kindern deshalb die Nutzung verschiedener sozialer Netzwerke. YouTube ist frei zugänglich und besonders beliebt. Das stimmt. YouTuber sind vielleicht die Popstars von heute. Aber aus YouTubern formt sich keine neue Jugendkultur. Man kann sie höchstens als Szene bezeichnen.

Viele der beliebten YouTuber geben Beauty-Tipps, spielen Computerspiele und präsentieren Produkte. Sie haben einen sehr konsum- und spaßorientierten Ansatz. Bei traditionellen Jugendkulturen ging es jedoch um die Kultur, die alle Anhänger lebten. Für Jugendliche ist YouTube einfach eine Plattform zur Unterhaltung und ein riesiges Musikarchiv. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Internet Jugendkulturen verändert hat.

Was hat das für Folgen? Früher gab es im Hinblick auf Musik mehr Massenphänomene, die den Großteil einer Generation beeinflusst haben. Das war bei Rock’n’Roll, Punk, Beat und auch Techno so. Zwar gibt es auch heute Phänomene, die sind jedoch kurzlebiger und oberflächlicher. Als Phänomen könnte man derzeit das Computerspiel „Fortnite“ bezeichnen, weil es in den öffentlichen Raum dringt. Bei dem Spiel sind alle Spieler auf einer Insel gefangen. Nur einer überlebt. Die Siegestänze der Spieler werden von vielen Kindern und Jugendlichen im realen Leben getanzt. Diese Geste haben sie aus dem Spiel entwendet und setzen sie nun anders ein. Das kann man aber nicht als rebellisch bezeichnen, weil der Tanz alleine der Unterhaltung dient.

  • Die Erfindung der Jugend

    Sie sind launisch, aufmüpfig und haben nur Flausen im Kopf: Teenager. Die Lebensphase zwischen 13 und 19 ist nicht gerade einfach. Jugendliche fühlen sich meist verloren, wissen noch nicht, wer sie sind und wo ihr Platz in der Welt ist. Doch im Vergleich zu früher genießen Teenies heute paradiesische Verhältnisse. Sie können sich frei entfalten, ausprobieren und entwickeln. Das war nicht immer so.

    Im Buch „Teenage – die Erfindung der Jugend (1875–1945)“ analysiert der Kulturwissenschaftler und Musikjournalist Jon Savage, wie die Lebensphase zwischen dem Kind- und Erwachsensein überhaupt entstanden ist. Laut Savage wurde der Begriff „Teenage“ erstmals gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gebräuchlich. Damals erkannte die amerikanische Industrie die Kaufkraft der Jugendlichen und titulierte die potenziellen Kund*innen mit dem Wort „Teenager“. Jugendliche wurden erstmals als wirtschaftliche Zielgruppe wahrgenommen.

    Doch die Entwicklung hin zu einem neuen und bisher undefinierten Lebensabschnitt zeichnete sich schon viel früher ab. Savage sieht die Anfänge einer langsamen, gesellschaftlichen Veränderung bereits in Werken wie „Emile“, das 1762 von Jean-Jacques Rousseau verfasst wurde. Schon damals schrieb Rousseau, die Pubertät bringe eine grundlegende emotionale und geistige Veränderung mit sich, die einer zweiten Geburt gleiche. In seinem Sturm-und-Drang-Klassiker „Die Leiden des jungen Werther“ brachte Goethe 1774 diesen Gedanken zum Ausdruck.

    Einen weiteren Anstoß für ein Umdenken sieht Savage im Jahr 1875, als die russische Malerin Marie Bashkirtseff autobiografische Texte über das Leben und Denken als junge Frau verfasste und Jesse Pomeroy, ein blutjunger Kindermörder, Fragen über die Verurteilung Minderjähriger aufwarf. „Marie Bashkirtseff und Jesse Pomeroy waren Vorboten für ein neues Zwischenstadium, das noch keinen Namen hatte“, schreibt der Kulturwissenschaftler.

    Während Teenies sich heute verwirklichen und eigene Träume verfolgen können, stolperten sie noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts von der Kindheit direkt und ohne Umwege in erwachsene Verpflichtungen. Die Jugend war für sie keinesfalls eine fröhliche, unbeschwerte Zeit, denn sie mussten den Lebensunterhalt der Familie sichern. Das im Beruf verdiente Gehalt bot ihnen ein Stück weit finanzielle Unabhängigkeit, die die Werbung erkannte und direkt ausnutzte.

Aber die Tänze findet man auf der ganzen Welt. Inwiefern beeinflusst die Globalisierung Jugendkulturen? Jugendkulturen waren schon immer global. Auch die Beatles wurden auf der ganzen Welt wahrgenommen – in autoritären Ländern genauso wie hier in Deutschland. Es war nur viel schwieriger, die Inhalte zu finden. Heute verbreitet sich Kultur schneller und leichter.

Und es ist selbstverständlich geworden, dass man Zugang zur ganzen Welt hat. Genau. Fest steht, dass es ohne Globalisierung keine Jugendkulturen gäbe. Aber die US-amerikanisch-britischen Wurzeln, die bei allen Szenen bis in die 2000er Jahre eine Rolle gespielt haben, werden heute immer weniger dominant. Dafür mischt der Rest der Welt stärker mit. Auch Afrika ist viel präsenter in der heutigen Popkultur.

Auch dank der Digitalisierung. Welche Rolle spielt sie? Die Digitalisierung hat viel verändert. Jugendkulturen sind im klassischen Sinne ortsabhängig. Physische Orte und Treffpunkte wie Clubs und Bekleidungsläden waren immer wichtig. Heute kann man aber alles über das Internet beziehen. Deshalb sind physische Orte kein Muss mehr, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Aus Jugendkulturen sind Medienkulturen geworden. Mein Sohn spielt „Fortnite“ mit dem Headset und spricht dabei mit Spielern aus der ganzen Welt. Deren Treffpunkt ist eben online. In gewisser Weise zerstört das aber die klassischen Jugendkulturen, weil jeder daran teilhaben kann – nicht nur Jugendliche.

Also gibt es heute keine Jugendkulturen mehr? Nicht mehr im klassischen Sinne, wie wir sie hier im Archiv verstehen. Natürlich gibt es immer noch Anhänger diverser Szenen. Aber traditionelle Jugendkulturen wie Punk oder Hip-Hop, die sich in Massenphänomene verwandelten, entstehen heutzutage nicht mehr. Und die alten sind so zersplittert und schwammig, dass sich nur wenige Jugendliche mit ihnen identifizieren können.