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Was sind Generationen und was macht sie aus? Das Ringen um Begrifflichkeiten durch verschiedene Interessengruppen bringt immer neue Generationen-Typologien hervor. Auf den ersten Blick klingen diese Zuschreibungen einleuchtend. Wer aber näher hinschaut, entdeckt Widersprüche und Unklarheiten. Es ist an der Zeit, den Generationsbegriff infrage zu stellen.

Sie heißen „Unicorn“ oder „St. Oberholz“: die Cafés von Berlin-Mitte, in denen die sogenannte Jugend von heute sitzt. Neben der Latte Art leuchten MacBooks, ihre Besitzer sind meist unter dreißig, tragen Klamotten, die bereits in ihrer Neunzigerjahre-Kindheit angesagt waren, und sprechen via Headset über ihre Temporärbeziehung, den Freelance-Job und die Zwischenmiete. Sie sind der Scherenschnitt der Generation Y: freiheitsliebend, ungebunden, von Möglichkeiten überfordert. Soweit der Konsens. Glaubt man allerdings dem Soziologen Martin Schröder, ist die Generation Y ein Mythos. Und mit ihr auch alle anderen Labels, die man jungen Menschen seit der Nachkriegszeit aufdrücken will. Der Marburger Professor verglich gerade eine halbe Millionen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), der größten deutschen Langzeitbeobachtung der Jahrgänge ’66 bis ’91. Das Ergebnis: „Es gibt keine Einstellungsunterschiede, die man daraus erklären kann, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten geboren wurden.“ Babyboomer oder Generation Y? Egal. Schröder, Jahrgang 1981, unterrichtet an der Uni vorwiegend Millennials und war vom Ergebnis selbst überrascht. Eigentlich wollte er über die Generation Y ein Buch schreiben. Noch eins fürs Generationenregal. Schröder hätte so zum von Florian Illies angeführten Autorenheer gehört, das spätestens seit „Generation Golf“ (2000) damit beschäftigt ist, jungen Menschen immer neue Schildchen auf die Brust zu kleben. Die Generation Y hieß auch schon: Snapchat Generation, Generation YouTube, Generation MTV, Generation Chips, Generation Praktikum, Generation Maybe oder Digital Natives. Generationenlabels verbreiten sich so schnell, dass das Alphabet zu Beginn des neuen Jahrtausends schon am Ende angelangt ist. Die Generation Z, die erste, die das iPad quasi in die Wiege gelegt bekam, ist heute noch nicht mal volljährig.

Kann es wirklich sein, dass sich die Snapchat-wütige Jugend kaum von den Steine werfenden Achtundsechzigern unterscheidet? Wer Schröders Botschaft folgt, findet sich jedenfalls schnell in einer soziologischen Debatte wieder, die seit Beginn des letzten Jahrhunderts tobt. Wie lassen sich Generationen überhaupt eingrenzen? Und welche wissenschaftlichen Methoden gibt es, um sie wirksam zu erfassen?

 

Klischees, so alt wie die alten Griechen

„Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Das Zitat stammt von Aristoteles. Generationenklischees sind so alt, wie die Menschheit. Die Idee, dass sich Generationen unterscheiden müssen, ist auch deshalb plausibel, weil sie nachvollziehbar ist: „Die Alten sind anders“ oder „Die Jungen sind anders“. Wahrscheinlich, dass das seit der Antike jeder Mensch einmal gedacht hat. Doch der Generationenbegriff ist nur ein theoretisches Modell.

Der Soziologe Karl Mannheim definierte ihn 1928. Damals wurde eine Generation auf etwa 30 Jahre angesetzt, Mannheim erweiterte diese Vorstellung. Das, was wir heute im allgemeinen Sprachgebrauch als Generation verstehen, nämlich die Unterteilung der Gesellschaft in Altersgruppen, ist nur ein Teil seiner These. Mannheims Generationenbegriff ist eigentlich dreidimensional: Er umfasst Generationslage, Generationszusammenhang und Generationseinheit. Die Geburtslage bezeichnet das Geburtsjahr: Wann und wo ist ein Mensch Teil der Welt geworden? Der Geburtszusammenhang beschreibt das Wie: Wie integriert sich dieser Mensch in die geistigen Strömungen der Zeit? Erst der dritte Schritt, die Generationseinheit, fragt nach dem Miteinander. Eine Einheit kann laut Mannheim erst durch die gleichzeitige Reaktion auf gemeinsam Erlebtes entstehen. Erst so ergebe sich wirklich eine gemeinsame Gesinnung. Und das ist genau, was Studien und Medien mit Begriffen fixieren wollen: die Einstellung einer bestimmten Altersgruppe. Nur, dass das Geburtsdatum als einziger Faktor dafür nicht ausreicht. In seiner Berechnung berücksichtigte Martin Schröder deshalb sogenannte Alters- und Periodeneffekte: die Tatsache, dass sich die Einstellung jedes Menschen mit dem Alter verändert und sich auch die Werte der Gesamtgesellschaft mit der Zeit anpassen. „Wenn man diese Effekte rausrechnet, bleibt von der Generationenthese wirklich nichts übrig“, sagt Schröder. Das heißt, Studien müssten berücksichtigen, dass aus einem liberalen Zwanzigjährigen nicht unbedingt ein liberaler Fünfzigjähriger wird. Die „Jugend“ lässt sich außerdem nicht im luftleeren Raum definieren. Manche Werte, wie die Ehe, verlieren generationsübergreifend an Gewicht, so Schröder. Wer nur die Jungen befragt, wird das nicht herausfinden.

Wenn die Generationen zwischen den Zahlen verschwinden

Aktuelle Generationenunterschiede untersuchte auch die Vermächtnisstudie der ZEIT, die 2016 in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Bonner Forschungsinstitut infas entstand. 3000 zufällig ausgewählte Teilnehmer aller Altersgruppen wurden persönlich zu ihren Vorstellungen und Wünschen befragt. Das Ergebnis erstaunte die Forscher so sehr, dass sie ihre Daten noch einmal prüften und erklärten: Die Generation Y ist statistisch nicht auffindbar. Stattdessen fanden die Forscher ältere Menschen mit vermeintlich jugendlichen Einstellungen: Sie priorisieren Offenheit für Neues oder Herkunft der Nahrungsmittel. Die mutmaßlich flexiblen Ypsiloner schätzen dagegen feste Arbeitszeiten, besonders wenn sie einen niedrigen Bildungsstand aufweisen. Sie sind außerdem skeptischer gegenüber der Digitalisierung, auch – oder vielleicht gerade – weil sie die Medien stark nutzen. Gleichberechtigte Kindererziehung war sowohl Jung als auch Alt wichtig, genau so wie gemeinsame Mahlzeiten. Fast klingt die Jugend ein bisschen spießig. „Unterschiede in der Einstellung finden sich, statt zwischen Altersgruppen, eher zwischen Arm und Reich. Auch Geschlecht, Bildungsstand oder Freundeskreis beeinflussen die Weltanschauung mehr als das Geburtsdatum“, erklärt Jan Wetzel vom WZB, der an der Konzeption der Studie beteiligt war. Die Ergebnisse von 2018 befinden sich noch in der Auswertung, aber die Werte seien weitgehend stabil, so Wetzel. Mit Schröders These müsse man trotzdem vorsichtig sein. „Die Grundlagen der Sozialforschung sind zu komplex für eine Berechnung, bei der man Faktoren einfach rausrechnen kann.“ Vor dem Trugschluss, das Geburtsjahr führe automatisch zur gleichen Einstellung, warnte auch schon der Vater des modernen Generationsbegriffs, Karl Mannheim. Auch für ihn zählten soziales Umfeld und geografische Lage genau so wie einschneidende Erlebnisse, die eine Gruppe altersunabhängig erlebt. Steigt man unweit der Millennial-Cafés in Berlin-Mitte in die U-Bahn, findet man andere Vertreter der Generation Y. Sie fragen Passanten nach Kleingeld. Das ist das Problem ziemlich jeder soziologischen Studie: Von der Allgemeinheit lässt sich schlecht auf den Einzelnen schließen. Statt von Generationen sollte man also vielleicht eher von Milieus sprechen.

„Generationsdefinitionen funktionieren häufig wie Horoskope, in denen sich jeder vage wiedererkennen kann.“

Großangelegte Umfragen wie die Shell Jugendstudie versuchen, einen eindimensionalen Generationenbegriff greifbar zu machen, der sich ausschließlich auf das Geburtsdatum konzentriert. Seit 1953 sammelt der Ölkonzern Daten zur Jugend, alle vier Jahre wird die Studie veröffentlicht. Die aktuellen Ergebnisse zeichnen das Bild einer pragmatischen und optimistischen Generation Z, der weiterhin die Familie, Bildung und Selbstverwirklichung wichtig sind. Auch bei diesen Werten hat Martin Schröder seit den Sechzigern keine Veränderung gefunden: „Das kann man logisch ableiten. Ist Ihnen Selbstverwirklichung wichtig? Wer antwortet auf diese Frage mit Nein?“ Die Generation Z soll flexibel, autonom und – mit Blick auf die Vereinbarkeit aller Lebensbereiche – leistungsfähig sein. „Butterweich“ nennt Schröder solche Formulierungen. Generation Golf, geboren nach den Babyboomern, galt als unpolitisch und bedacht auf Work-Life-Balance. Klingt irgendwie vertraut, oder?

Und damit wären wir beim Problem: Generationsdefinitionen funktionieren häufig wie Horoskope, in denen sich jeder vage wiedererkennen kann. Schaut man genauer hin, wird es widersprüchlich. Über die Generation Y finden sich unterschiedliche Buchtitel, von „Die stillen Revolutionäre“ bis „Die spinnen, die Jungen“. Sind die Ypsiloner nun unpolitisch oder voll von Weltveränderungspotenzial? Spießig oder liberal? Verunsichert oder arrogant?

 

Ordnungswunsch trifft Marketing-Kalkül

Der Wunsch, die Jugend einzuordnen, scheint jedenfalls größer, denn je. Getauft werden die nachkommenden Generationen nicht immer von Soziologen, sondern auch von Autoren wie Florian Illies und Douglas Coupland, von Psychologen oder Unternehmensberatern: „Es gibt Leute, die davon profitieren, immer wieder eine neue Generation auszurufen und das muss nicht unbedingt etwas mit Daten und Fakten zu tun haben“, so Schröder. Die „Millennials“ sind beispielsweise eine Schöpfung der US-Amerikaner Neil Howe und William Strauss, die gemeinsam eine Beratungsagentur führten. Ihre Bücher sind eine Mischung aus Statistiken, Hypothesen und Referenzen aus der Popkultur. Laut ihrem Modell erneuert sich die Gesellschaft alle achtzig Jahre. Viele Prophezeiungen folgen dem Muster: Klingt nett, lässt sich aber nicht wirklich belegen. Oft ist es wie mit der Henne und dem Ei: Was war zuerst da, Trend oder Name dafür? Stichhaltige Generationenmuster zu finden, ist schwierig, wie Schröders Ergebnisse zeigen. Stattdessen bieten Labels griffige Schlagzeilen und sind praktisch für die Zielgruppen-bestimmung. Häufig sind Generationen benannt nach den Medien und Marken, die sie nutzen. Generation YouTube – ist das nicht einfach gutes Branding?

Martin Schröder ist Soziologieprofessor in Marburg und untersucht Lebensqualität im internationalen und historischen Vergleich. Er hat am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln promoviert und war Postdoktorand an der Harvard University.
Christian Schuldt war rund 15 Jahre im digitalen Mediengeschäft von Verlagshäusern wie Axel Springer und Hubert Burda tätig, und beleuchtet als Autor, Speaker und Studienleiter für das Zukunftsinstitut den Kultur- und Medienwandel der vernetzten Gesellschaft.
Jan Wetzel ist Soziologe und seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Vermächtnisstudie am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Nicht wenige Soziologen arbeiten in Agenturen, die Firmen zu jungen Zielgruppen beraten. Eine davon ist das Berliner Zukunftsinstitut (ZI), gegründet in den Neunzigerjahren vom Journalisten Matthias Horx. 2015 legte es den „Youth Economy“-Bericht vor, eine Art Statusreport der modernen Gesellschaft. Die Jugend, genannt Liquid Youth, sei ein übergreifender Begriff und längst nicht mehr nur auf eine Altersgruppe beschränkt. „Die Jugend ist so individuell und vielfältig wie die Gesellschaft selbst“, sagt Christian Schuldt, Soziologe am ZI. Eigene Daten erhebt das Institut nicht. Stattdessen verzeichnet das ZI sogenannte Megatrends in der Gesamtgesellschaft wie Individualisierung, Umweltbewusstsein oder Gleichstellung. Das ZI geriet in der Vergangenheit mehrfach in die Kritik, unter anderem als es Anfang des Jahrtausends prophezeite, dass sich das Internet nicht durchsetzen werde. Sind Trendprognosen Fiktion oder setzen die Agenturen einfach dort an, wo die Grenzen der Datenerhebung erreicht sind? Berichte wie „Youth Economy“ sind gespickt mit Begriffen wie „Silver Society“ und „Neo-Ökologie“. Diese umschreiben, vereinfacht gesagt, dass es jetzt auch siebzigjährige Surfer gibt und es wieder cool ist, Bio zu kaufen. Wer sich durch die aufwendige Website des ZI klickt, dem weht aus Seminartiteln ein Hauch Verzweiflung entgegen, die Personaler und Agenturen angesichts der neuen Generation scheinbar empfinden müssen: Wie tickt sie denn jetzt, die Jugend von heute? Jugendslang wie „gönn dir“ wird von den Forschern erklärt, wie um sicherzustellen, dass Firmen die Sprache ihrer Zielgruppe sprechen. Denn an sie richtet sich der Bericht, der ein paar hundert Euro kostet. Der demografische Wandel erhöht den Druck auf Unternehmen. In einer alternden Gesellschaft wird die privilegierte Jugend besonders umworben: Sie bindet Kauf- und Arbeitskraft. Die Konsumenten von morgen sind gleichzeitig qualifizierte Arbeitskräfte, die von Unternehmen umworben werden wollen.

„Was machen unsere Eltern, was wir nicht auch machen würden? Wogegen wollen wir noch rebellieren?“

Arm und Reich statt Jung und Alt

Das Klischee des Digitalnomaden, der mit dem Cold-Drip-Filterkaffee von WLAN-Quelle zu WLAN-Quelle zieht, findet sich laut der Vermächtnisstudie eher unter Uniabsolventen. Die einzige Umfrage, die Neil Howe und William Strauss zu Millennials entwarfen, wurde an einer privilegierten Highschool in Virginia durchgeführt. Hinter Generationenanalysen versteckt sich nicht selten ein Marktforschungsinstrument für die oberen Gesellschaftsschichten. Ein stimmiges Gesamtbild der Jugend ergibt sich daraus nicht. Trotzdem sind sich Wetzel, Schröder und Schuldt einig: Die Gesellschaft wird liberaler und klassische Unterscheidungen zwischen den Generationen existieren immer weniger. „Die Rollenverteilung ändert sich, da sich auch Normalbiografien ändern“, sagt Jan Wetzel vom WZB. Durch die höhere Lebenserwartung wird das Alter zu einer Lebensphase, die wenig mit dem Rentnerdasein im Fernsehsessel zu tun haben muss. Fragwürdig, ob sich Generationenbegriffe überhaupt noch anwenden lassen, wenn die Grenze zwischen Jung und Alt verwischt. „Menschen, die besser gebildet sind, mehr verdienen und einen bunten Freundeskreis haben, können nach ihren Vorstellungen leben. Egal ob sie alt oder jung sind“, lautet ein Resümee der Vermächtnisstudie. Manche Millennials müssen ihre Eltern beim Essen bitten, das Handy wegzulegen, Großmütter verkaufen mit Anfang 80 ihre Handarbeiten via Etsy. Das ist die Welt, in der wir leben.

2010 veröffentlichte der ehemalige Widerstandskämpfer Stéphane Hessel das Buch „Empört Euch!“. Es war der besorgte Aufruf des damals 93-Jährigen an die Jugend, sie solle sich mehr gegen die Finanzbranche und die Umweltverschmutzung wehren, um ihre Zukunft zu sichern. Das Buch wurde zum Bestseller. Hat Hessel recht? Ist die Zeit der Rebellion vorbei? Oder, anders gefragt: Wie rebelliert eine junge Generation, die keine gemeinsame Einstellung teilt? Die Jungen als Motor für Veränderung, diese Vorstellung besteht in der Moderne spätestens seit den Achtundsechzigern. Sie sind laut Martin Schröder die Einzigen, die ein Leben lang politisch interessiert geblieben sind. Das einzige Klischee, das laut Vermächtnisstudie stimmt, ist, dass die heutige Jugend tatsächlich unpolitisch ist. War das früher wirklich anders?

 

Das Ende der Schubladen

Der Begriff „Achtundsechziger“ verfestigte sich erst in den Achtzigern. Der Soziologe Heinz Bude schätzt die Studentenbewegung auf 10 000 aktive Mitglieder. Trotzdem wurden die Achtundsechziger in den Jahrzehnten danach in den Medien zum Identifikationsmodell. Der 68er-Mythos erklärte eine kleine heterogene Gruppe zum Stellvertreter für alle. Vielleicht braucht es solche Mythen, um ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Nur klebt man sich ein Label wie „Millennial“ oder „Generation Praktikum“ eher ungern auf die Brust. Vielleicht, weil es nicht passt – vielleicht aber auch, weil es, anders als „Achtundsechziger“, nicht nur mit positiven Attributen besetzt ist. Karl Mannheim glaubte, dass die Jugend antagonistisch zu ihren Eltern reagiert. Es ergibt also durchaus Sinn, dass die Kinder der Achtundsechziger unpolitisch sind. Aber die Gesellschaft hat ein ganz anderes Problem, glaubt Martin Schröder, nämlich gar keines: „Die Jugendlichen heute wundern sich: Was machen unsere Eltern, was wir nicht auch machen würden?“ Er ergänzt: „Wogegen wollen sie noch rebellieren?“ Als verbindendes Element der Generationseinheit sah Karl Mannheim die „Entelechie“ nach Aristoteles, die ein „inneres Ziel“ oder ein „eingeborenes Lebens- und Weltgefühl“ beschreibt. Das gemeinsame Ziel fehlt den Millennials oder der Generation Z. Aber es fehlt auch in der Gesellschaft an sich. Widerstand entsteht eben immer aus Leidensdruck, und der ist in der liberalen Bevölkerung scheinbar nicht groß genug.

„Generation ist eine Potenzialität“, erklärt Martin Schröder den klassischen Begriff. „Wenn ich und alle anderen in meinem Alter ein Erlebnis haben, das uns so prägt, dass wir auch noch Jahrzehnte später eine andere Einstellung haben, dann sind wir eine Generation.“ Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Zinnecker sprach altersunabhängig von zeitgeschichtlichen Generationen, die generationsübergreifend von einem Ereignis, wie zum Beispiel Krieg, geprägt wurden. Inken Bartels, Soziologin an der Universität Osnabrück, unterscheidet die „historisch-gesellschaftliche Generation“ vom „Generationsbegriff der Medien- und Werbebranche“. Dass sich die Generationen kaum unterscheiden, könnte auch daran liegen: Wirklich einschneidende Erlebnisse, wie der Erste und Zweite Weltkrieg es waren, gibt es heute in der westlichen Welt nicht mehr.

Bereits Anfang der 1980er Jahre schrieb der österreichische Sozialhistoriker Michael Mitterauer in „Sozialgeschichte der Jugend“, dass sich die Grenzen und Gegensätze zwischen Jugend und Erwachsenen entschärfen. Die traditionelle Erwachsenenrolle ist für ihn angesichts des gesellschaftlichen Wandels nicht mehr anwendbar. Stattdessen spricht er von einer Gesellschaft der „lebenslänglich Lernenden“, in der man ein Leben lang Veränderungen in seine Persönlichkeit aufnimmt. Eigentlich war das schon immer die Herausforderung.

Vielleicht ist es Zeit für eine Neudefinition. Das Abrücken vom klassischen Generationsbegriff bedeutet eine Befreiung der Jugend. Es bedeutet aber auch eine Befreiung des Alters: Statt die Jungen in die Rolle der Revolutionsführer zu drängen und die Alten in die der Konservativen, liegt die Verantwortung jetzt in den Händen der gesamten Gesellschaft. Man könnte das Ergebnis der Vermächtnisstudie auch so formulieren: Jung und Alt sind sich ähnlicher als gedacht. Wie wäre es also mit einer generationsübergreifenden Revolution? Oder zumindest mit einer Horizonterweiterung: Die Welt liegt jenseits der Cafés von Berlin-Mitte.