Noch immer wird Gleichberechtigung mit Selbstverständlichem wie gerechter Bezahlung und Chancengleichheit verwechselt. Dabei ist echte Emanzipation viel mehr als das: vier Porträts über Grenzgängerinnen, die sich ihre ganz persönliche Unabhängigkeit erkämpft haben. Arrow Down

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SEVDALIZA

Künstlerin

Ein chromglänzender Cyborg, ein Zentaurenwesen, ein irisierendes Hologramm – Sevdaliza macht ihren Körper zu einer offenen Projektionsfläche. Auf ihrer Facebook Seite verkündet sie: „I’m everything you want me to be“. In ihrem Song „Human“ betont sie:  I am Human“. Also weder Woman noch Man. Vielmehr fragmentiert die niederländisch-iranische Musikerin klassische Geschlechtszuschreibungen und setzt sie neu zusammen. Dabei entstehen Symbolcollagen mit transhumanen Verfremdungen der klassischen Vorstellung von Womanhood. Im Alter von vier Jahren flüchtete Sevda Alizadeh mit ihren Eltern von Teheran in die Hafenstadt Rotterdam. Dort fühlte sie sich stets als Außenseiterin, entdeckte aber bald ihre Faszination für Musik. Ihrer Herkunft attestiert die heute 32-Jährige allerdings keinen direkten Einfluss auf ihre Kunst, auch dieser Zuschreibung will sich die Sängerin, die sich selbst als Weltnomadin bezeichnet, entziehen. Ihre Verantwortung sei es, Kunst zu erschaffen, die zum transformativen Wandel beiträgt, sagte sie in einem Interview mit dem US-amerikanischen Billboard-Magazin. Und das bedeutet: sich auch weiterhin der Fetischisierung ihres Körpers durch die Gesellschaft zu widersetzen. Und zwar mit ihrem hypnotischen Nachtschatten-R’n’B und grandiosen Zerrbildern, die wirken wie von einer anderen Welt.

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ANN MAKOSINSKI

Erfinderin

Eine Taschenlampe, die man nur mit der Wärme des eigenen Körpers zum Leuchten bringen kann: Mit dieser Erfindung gewann Ann Makosinski im Alter von nur 15 Jahren die Google Science Fair in ihrer Altersklasse. Fünf Jahre später stand sie auf der Forbes-Liste „30 Under 30“, dazwischen TED Talks und Talkshowauftritte bei Jimmy Fallon. Ein Wunderkind, hieß es schnell: Diese junge Kanadierin werde eine steile Karriere hinlegen, da waren sich alle sicher – nur Makosinski selbst nicht. Stattdessen keimten nach den Vorträgen, Einladungen und Interviews echte Zweifel in ihr. Dabei hat Makosinski früh gelernt, sich von Erwartungen und Meinungen anderer zu lösen. Als junge Tech-Tüftlerin war sie nicht selten das einzige Mädchen in einem Raum voller männlicher Nachwuchstalente. Als junge Rednerin auf Konferenzen wurde sie oftmals irritiert gefragt, was sie denn hier verloren habe. Trotz des anhaltenden Erfolges fühlte sie sich ausgebrannt und kämpfte vergeblich um Patente für ihre Erfindungen. Zum Entsetzen ihrer Eltern und Förderer lehnte sie dann ein renommiertes Ingenieurstipendium ab und begann, englische Literatur zu studieren. „Zum Glück ist meine Rebellion gut gegangen“, sagt die 22-Jährige heute. Sie könne außerhalb der Universität weiter an ihren Erfindungen arbeiten – und sich trotzdem auf ihre neu entdeckte Liebe zum Geschichtenerzählen konzentrieren. Und vielleicht mache sie genau das zu einer besseren Erfinderin. Ihre Botschaft an junge Talente fasst sie so zusammen: „Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man an seinen eigenen Traum glauben muss. Und nicht an den eines anderen.“

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SUZANNA RANDALL

Astronautin

Das Unbekannte hat Suzanna Randall schon immer fasziniert. Bereits als junges Mädchen war sie besessen von den Bildern der Voyager-Sonden. Als sie dann ein Bild der Astronautin Sally Ride in einem Buch entdeckte, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass auch sie eine Weltraumfahrerin werden könnte. Ride war die erste US-Amerikanerin im Weltraum – und nach den Kosmonautinnen Walentina Tereschkowa und Swetlana Sawizkaja die dritte Frau überhaupt. Die 37-jährige Randall ist heute promovierte Astrophysikerin und Teil des Projekts „Die Astronautin“. Dafür wählte eine Stiftung aus 400 Bewerberinnen zwei Kandidatinnen aus, die zu Astronautinnen ausgebildet wurden. Seit drei Jahren kämpft die Stiftung allerdings bei der Bundesregierung und Unternehmen vergeblich um die nötige finanzielle Unterstützung. Die Europäische Weltraumagentur zeigte von Anfang an kein Interesse an einer Zusammenarbeit. Sie trainiert stattdessen lieber den zwölften deutschen Mann für einen Flug ins All. Immer wieder wird Randall gefragt, wieso man überhaupt eine deutsche Astronautin brauche? Dass es essenziell ist, Männern und Frauen die gleichen Chancen zu bieten, scheint in der deutschen Raumfahrt noch nicht angekommen zu sein. Dabei hätte Randall schon 2021 einen Sitz in einer Raumfähre sicher – sowohl Boeing als auch SpaceX haben sich für eine Zusammenarbeit ausgesprochen. Allerdings nur, wenn die Stiftung bis dahin die fehlenden 50 Millionen Euro bereitstellen kann. Randall bleibt optimistisch, dass das klappt. Nur so könne sie die Kraft finden, weiter an das Projekt zu glauben, sagt sie.

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SURYA BONALY

Eiskunstläuferin

Es war ein Sprung, der bis heute zu einem der aufsehenerregendsten Momente in der Geschichte des Eiskunstlaufens zählt: Bei der Winterolympiade in Nagano landete Surya Bonaly 1998 den verbotenen One-footed Backflip perfekt auf nur einer Kufe. Während des Sprungs wusste die französische Europameisterin mit Wurzeln aus La Réunion bereits, dass sie keine Chance auf eine Medaillenplatzierung mehr hatte. Eine Achillesfersenverletzung hinderte sie daran, ihre Kür wie geplant zu laufen. Bonaly hatte also nichts zu verlieren und wagte mit dem gefährlichen Rückwärtssalto einen letzten Protest gegen den traditionellen Sport, deren Funktionäre sie stets wie eine Außenseiterin behandelt hatten. Bereits als junge Eiskunstläuferin hatte sich Bonaly durch ihre extreme Geschwindigkeit und ihre unglaubliche Sprungkraft ausgezeichnet. Sie liebte expressive und dynamische Küren – und passte somit gar nicht in das Bild der zarten und sonst meist hellhäutigen Eisprinzessinen. Bis heute hat der internationale Wintersport ein Diversitätsproblem: Die Mehrzahl aller Eiskunstläufer und -läuferinnen ist weiß. Bonaly machte im Laufe ihrer Karriere immer wieder darauf aufmerksam, dass sie sich diskriminiert fühlte und unfaire Bewertungen erhielt. Dreimal verpasste sie knapp die Goldmedaille bei Weltmeisterschaften, zu Unrecht, wie sie sagte. Einmal weigerte sie sich deswegen aus Protest, das Podium für die Siegerehrung zu betreten. Die Winterolympiade im japanischen Nagano bot ihr dann Jahre später die ideale Gelegenheit, sich mit einem großen Knall zu verabschieden. Mit dem verbotenen Sprung, den bis heute niemand wieder bei den olympischen Spielen gewagt hat, erkämpfte sie sich endlich jene Aufmerksamkeit, die sie schon lange verdient hatte.