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Das Individuum wird zum Datenpunkt degradiert

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Die grenzenlose Vernetzung der Digitalisierung krempele unsere Gesellschaften radikal um, behauptet der Medienwissenschaftler Oliver Zöllner. Ein Gespräch über freiwillige Unfreiheit, digitale Autonomie und die Macht der Datenmassen. Arrow Down

In den 1980er-Jahren stieß die staatliche Volkszählung in Deutschland noch auf breiten Widerstand in der Bevölkerung.   Und damals wurden sogar eher harmlose Informationen abgefragt. Heute geben die Menschen im Netz viel mehr über ihr Leben preis. Was dabei mit unseren Daten passiert, verdrängen wir in der Regel.

Warum machen wir das?  Die meisten Menschen erleben die digitalen Medien als bequem und beglückend. Mit ihrer Hilfe kann heute jeder quasi seinen eigenen Fernsehsender betreiben und sich im Internet der ganzen Welt präsentieren. Der Einzelne ist also nicht mehr nur Empfänger, sondern kann jederzeit zum Sender werden. Allerdings hat diese grenzenlose Vernetzung einen hohen Preis. Wir verlieren die Macht über unsere Daten und geben damit ein Stück weit die Kontrolle über unser Leben ab.

Konzerne wie Google oder Facebook bestimmen heute über riesige Datensätze und ziehen daraus eine große Macht. Wie gefährlich ist das für die Demokratie?   Mit ihrer Marktmacht und ihrer Datenhoheit dominieren diese Player tatsächlich zunehmend unser Denken, die Art, wie wir uns vernetzen, und sogar unsere Willensbildung. Das geht so weit, dass diese Konzerne prognostizieren, wie wir uns verhalten werden. Und das kann natürlich zu Verschiebungen von Machtverhältnissen führen. Das inzwischen aufgelöste Unternehmen Cambridge Analytica soll zum Beispiel bereits versucht haben, mit illegal ausgewerteten Facebook-Nutzerdaten Wahlen zu manipulieren.

Wäre es nicht die Aufgabe der Behörden, uns vor dem Missbrauch unserer Daten zu schützen?   Natürlich. Aber für Regierungen wird es immer schwieriger, wirksame Datenschutzregelungen durchzusetzen. Nationale Rechtsbestimmungen greifen oft nicht mehr, wenn IT-Unternehmen in anderen Ländern ansässig sind. Zudem hinken die staatlichen Regulationen dem technischen Fortschritt stets hinterher. Kaum ist eine Gesetzeslücke geschlossen, ist schon wieder eine neue Innovation auf dem Markt, die von den bestehenden Regeln nicht erfasst wird. Und viele Politiker sind mit den Problemen überfordert, weil sie von der Digitalisierung zu wenig Ahnung haben.

Glauben Sie, dass die Menschen irgendwann aufwachen und sich eine zivilgesellschaftliche Bewegung für digitale Selbstbestimmung formiert?  Quasi Fridays for Free Societies? In Ansätzen gibt es so eine Bewegung tatsächlich schon. Nichtregierungsorganisationen wie der Chaos Computer Club in Deutschland oder die Electronic Frontier Foundation in den USA setzen sich seit Langem für digitale Bürgerrechte ein. Gegen die ökonomische und juristische Macht von großen IT-Konzernen sind sie allerdings bisher wenig schlagkräftig.

„Durch die permanente Erhebung unserer Daten wird der Einzelne in seinem Verhalten immer kontrollierbarer.“

Wie weitreichend die Möglichkeiten zur digitalen Kontrolle der Bevölkerung sind, zeigt sich gerade in China. Dort experimentiert die Regierung mit einem sogenannten Social Credit System. Wenn jemand etwa in einem Restaurant einen Tisch reserviert und dann nicht erscheint, wird das als Verfehlung im System gespeichert. Und wer zu viele Verfehlungen sammelt, wird mit Sanktionen bestraft. Ist so was auch in Europa denkbar?  In sehr viel softerer Form gibt es solche Systeme ja schon längst auch bei uns. Hier wird das eben Nudging genannt: kleine Anstupser, die Menschen beeinflussen sollen, in einer bestimmten Art und Weise zu handeln. Krankenkassen setzen Nudging zum Beispiel ein, um ihre Mitglieder zu einem gesünderen Lebensstil zu erziehen. Wer seine Lebensweise etwa durch Health Tracker kontrollieren lässt, erhält dann als Belohnung einen Beitragsnachlass. Ähnliche Verfahren gibt es bei Kfz-Versicherungen, indem eine Blackbox ins Fahrzeug eingebaut wird, die die Fahrweise des Versicherungsteilnehmers analysiert und entsprechend honoriert.

Ist doch gut, wenn positives Verhalten belohnt wird. Im Moment kommt die Koppelung von Nudging und digitaler Überwachung noch als Bonussystem daher. Aber wenn man dieses Prinzip weiterdenkt, könnte in einigen Jahren ein Malus für diejenigen entstehen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht an solchen Kontrollprogrammen teilnehmen wollen. Es ist gesetzlich nicht verboten, ungesund und unsportlich zu leben. Doch Nudging schränkt genau diese Freiheit ein. Da stellt sich schon die Frage, wo hier die autonome Entscheidung des Menschen bleibt.

Sie sehen also schon die Gefahr, dass wir in Zukunft ähnlich reglementiert leben wie die Bevölkerung in China?  Zumindest besteht die Gefahr, dass China neue Standards setzt, die sich durch die Hintertür auch in Demokratien einschleichen. Denn selbst wenn der chinesische Staat im Kern eine Diktatur ist, gilt seine wirtschaftliche und technologische Innovationskraft als Vorbild. Wirtschaftsvertreter argumentieren oft, dass wir den Anschluss an China nicht verpassen dürfen.

Was sagen die Menschen in China zu ihrer Überwachung durch das Social Credit System? Dazu sind mir keine Studien bekannt. Es gibt dort ja kaum freie Meinungsäußerung. Bei offiziellen Umfragen stimmen die meisten Chinesen den Maßnahmen ihrer Regierung in der Regel zu. Aber diese Menschen sind in einer Gesellschaft mit ständiger Propaganda und einem Einparteiensystem groß geworden. Wer weiß, was sie denken würden, wenn sie in einer freiheitlichen Umgebung aufgewachsen wären.
 

„Die Digitalisierung beeinflusst die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere Menschen wahrnehmen. Unser Menschenbild verändert sich.“


In ein paar Jahrzehnten wird also wahrscheinlich auch in einer liberalen Gesellschaft niemand mehr gegen die Kontrolle unseres Verhaltens durch digitale Algorithmen protestieren – einfach, weil es so selbstverständlich geworden ist?  Ich erlebe jedenfalls, dass meine Studenten digitale Produkte oft viel unvoreingenommener nutzen als vorherige Generationen. Zum Beispiel Dating-Apps. Für viele ältere Menschen wäre Onlinedating undenkbar. Sie empfänden die Logik dahinter als degradierend oder zumindest unromantisch: So als würde man Menschen per Katalog shoppen. Viele junge Leute dagegen finden das völlig unproblematisch. Für die ist eine Dating-App einfach eine Möglichkeit, sich zu präsentieren und Kontakte zu knüpfen. Daran zeigt sich, dass die Digitalisierung die Art und Weise beeinflusst, wie wir uns selbst und andere Menschen wahrnehmen. Unser Menschenbild verändert sich.

Aber es wird ja niemand gezwungen mitzumachen.  So einfach ist es nicht. Gerade die großen Social-Media-Plattformen werden nicht nur aus Freude und Bequemlichkeit genutzt, sondern auch aus einem gewissen Zwang heraus. Wenn wir diese Dienste nicht verwenden, sind wir von vielen Informationen abgeschnitten, die für Privatleben, Beruf oder Schule wichtig sind.

Was kann der Einzelne tun, um seine digitale Unabhängigkeit zu bewahren? Ich rate von Verboten oder Einschränkungen ab. Denn der Mensch reagiert in der Regel mit Widerstand, wenn man ihm sein Lieblingsspielzeug wegnehmen will. Was ich stattdessen empfehle: Informiert euch und denkt nach, bevor ihr einen Dienst verwendet. Warum ist die Nutzung einer App finanziell kostenlos? Welchen Preis muss ich stattdessen dafür zahlen? Was passiert mit den Daten von mir und meinen Mitmenschen? Wertet der Anbieter womöglich sämtliche Kontakte auf meinem Gerät aus – so wie das etwa bei WhatsApp passieren kann? Stimme ich dem zu? Indem ich solche Fragen für mich beantworte, fange ich an, mein digitales Handeln auf ein ethisches Fundament zu stellen.