Im Parallel-Universum. Soziale Netzwerke verleiten Menschen dazu, sich als jemand auszugeben, der sie gar nicht sind. Warum eigentlich?

Instagram, das ist die App für Menschen, die sich in ihrem Leben hübsch eingerichtet haben. Nach inzwischen über sechs Jahren und mit 600 Millionen Nutzern ist das soziale Fotonetzwerk zwar nicht mehr neu, aber das macht nichts, denn in Deutschland ist irgendwie alles Neuland, was mit digitaler Kultur zu tun hat. Phänomene wie die Socality Barbie oder die Instagram Husbands haben sich zum Beispiel rasant viral verbreitet, weil die Ernsthaftigkeit, mit der das eigene Leben auf Instagram inszeniert wird, doch irgendwann gewaltig nervt oder einfach langweilt.

Teenies sitzen offenbar den ganzen Tag vor Instagram, um minütlich die Zahl der Likes auf ihr neuestes Selfie zu checken. Sie zählen gern mit, zwei Likes in einer Minute, drei Likes, sechs Likes in einer Minute, nicht schlecht. Und die Kommentare: gorgeous, pretty, stunning, model. Was immer geht: OMG, also Oh my God! Teenager geben unumwunden zu, dass sie sich um ihre Relevanz sorgen, dass sie selbst eine Marke seien und sich deshalb ständig selbst promoten müssten. Für den Instagram-Gründer Kevin Systrom sind Teenager die wichtigste Quelle, wenn es um den Kanal, Trends und die Funktion geht. Teenager, denen die Ausweitung der Privatsphäre zu weit geht, ziehen sich zurück und teilen ihr ungeschöntes Leben nur noch mit ein paar Freunden via finsta, ihrem „fake“ Instagram Account.

Von den Wächtern des Tempels der Kunst wird die App fleißig verteufelt. Das Original, das sich in Museen und auf Auktionen teuer verkaufen lässt, ist mal wieder in Gefahr. Fotografien haben Flachware zu sein, die sich an die Wand hängen lässt. Es wird gespottet über die Fotografen, die Instagram nutzen, weil es durchaus Spaß machen kann. Stephen Shore, einer der Mitbegründer der New Color Photography, wird für seinen Instagram-Account häufig belächelt. Zum Beispiel mehr oder weniger ernsthaft von Jo Berlien im Katalog zur Ausstellung „Ego-Update“ im Düsselforfer NRW-Forum. Dort fragt Berlien sich, was hoch dotierte Fotografen wie Shore dazu bringe, ihre Handy-Schnappschüsse auf Instagram online zu stellen. Andersrum gefragt: Was spricht eigentlich dagegen, wie 400 Millionen andere Menschen eine App zu nutzen und Bilder zu teilen?

Jeder Internetnutzer ist online ein Lügner.

Aber eigentlich sind Künstler und Fotografen kleine Lichter auf Instagram. Hell leuchten Sternchen wie Kim Kardashian und Miley Cyrus, oder Fußballspieler und gelegentlich sogar YouTuber. Inzwischen ist auch der R.E.M.-Sänger Michael Stipe auf Instagram aufgetaucht. „Meme, myself and I“ stand zu Beginn in seiner Profilbeschreibung und so sah auch sein Account aus. Denn offenbar hatte er sich zuvor ausführlich durch die Profile seiner Promikollegen auf Instagram geklickt und macht deshalb jetzt, was alle machen. Selfies mit anderen Promis. Nur sieht es bei ihm danach aus, als würde er sich einen großen Spaß daraus machen. Er selbst ist immer groß im Bild zu sehen, für seine bekannten Freunde bleibt meist wenig Platz. Die virtuelle Realität kann also durchaus eine ironische sein, die Netzphänomene aufgreift und weiterspinnt.

Aber wem lohnt es sich sonst noch zu folgen? Wer hat als Künstler etwas über seine virtuelle Realität zu erzählen?

Amalia Ulman / @amaliaulman

Ok ok last 1 promise! This place was so cool tho ~~!!!

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New fav spa so goooood such a great find im keepin it for my self **secret special place

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I haaaaaaaate when frinds mske me wait; always on time for nothing >__<

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Zwischen dem 19. April und dem 14. September 2014 postete Amalia Ulman auf Instagram und Facebook knapp 180 Beiträge, die den vermeintlichen Aufstieg und Fall eines Mädchens dokumentieren, das auszog, um ein It-Girl mit Modelvertrag zu werden. Erst als die Geschichte zu Ende erzählt und damit auch die Performance abgeschlossen war, löste Ulman auf. Über das Bild einer Rose, ein Schwarz-Weiß-Foto, schrieb sie „The End – Excellences & Perfections“, darunter postete sie ein blaues Herz. Einige ihrer Follower reagierten verständnislos, waren empört und schrieben später in Magazinen, wie wütend sie gewesen seien, dass sie von ihr erfolgreich getrollt wurden. Sie sahen zu, ohne Verdacht zu schöpfen. Weil die Performance so nah an der Lebensrealität der sozialen Netzwerke war, sich ihrer Verhaltenscodes, Ausdrucksweise samt passender Hashtags und Bildsprache bediente. Die Leute waren sauer, weil sie einer Fiktion erlagen, weil die Geschichte, die ihnen vier Monate lang erzählt wurde, nicht der Wahrheit entsprach. Dabei, und das ist die Kernaussage von Ulman: Jeder ist online ein Lügner. Den Voyeuren vor den Smartphones wäre es lieber gewesen, Amalia Ulman wäre nur ein weiteres der hot babes auf Instagram. Dann nämlich wäre alles weiter gegangen wie bisher. So aber endete das Drama nach drei Akten, der Vorhang fiel, das Licht ging an und der Zuschauer war auf sich selbst zurückgeworfen.

Ulman hatte ihre Performance tatsächlich als Dreiakter angelegt. Vielleicht war zu irgendeinem Zeitpunkt geplant, auch auf Teil zwei und drei hinzuweisen, aber damit wäre sie sicherlich aufgeflogen. Ihr virtuelles Alter Ego macht in den vier Monaten all das durch, was in den sozialen Netzwerken sonst auch passiert, nur eben nicht in so kurzer Zeit und nicht unbedingt einer einzigen Person. Während der Entstehung der Arbeit war das Atelier der Künstlerin ihr Smartphone, sie sah sich auf Tumblr, Facebook und Instagram um, beobachtete, wie Mädchen und Frauen sich in den sozialen Netzwerken präsentieren und griff all die Stereotypen auf, die sie ausmachte.

Das brave Mädchen von nebenan, das ständig seine frisch lackierten Finger ins Bild hält, nach dem Aufstehen verschlafen vor dem Spiegel im OOTD, dem Outfit of the Day, steht und allen einen ganz zauberhaften guten Morgen wünscht, den Kaffee fürs Foto mit Blüten und Blättern verziert und im Bett nur ein kleines putziges Kätzchen liegen hat. Nach dem Umzug in die große Stadt wird aus dem lieben Nachbarskind ein hot babe, das etwas zu lang Kim Kardashian auf Instagram folgte. Das Geld für den entsprechenden Lifestyle und Körper fehlt? Dann müssen eben ein Sugar Daddy und eine Brustvergößerung her, den Rest bringt regelmäßiges Workout.

Fast zwei Jahre nach ihrer Entstehung, wird die Performance überall diskutiert. Zwei Ausstellungen in London nämlich zeigen die Arbeit. „Electronic Superhighway“ in der Whitechapel Gallery und „Performing for the Camera“ in der Tate. War es erst die Fotografie, die man lange nicht als künstlerisches Medium gelten lassen wollte, ist es heute ein Kanal, den Künstler wie alle anderen nutzen ­­– und da liegt vielleicht das Problem –, um Arbeiten zu zeigen. Alltag und Kunst liegen inzwischen gelegentlich so nah beieinander, dass das eine untrennbar mit dem anderen verbunden ist.

Ist Kim Kardashian die neue Andy Warhol?

Kim Kardashian hat auf Instagram über 90 Millionen Follower. Nur Selena Gomez und Taylor Swift haben virtuell mehr Anhänger als die Ehefrau von Kanye West, die wie Paris Hilton und andere It-Girls dafür bekannt ist, berühmt zu sein. Die Verbreitung eines privaten Sexvideos machte sie 2007 bekannt, kurz darauf wurde auch schon die Familien-Reality-Soap „Keeping up with the Kardashians“ ausgestrahlt. Ein paar Jahre später wollte sie das Internet mit einem Foto von ihrem eingeölten Hintern auf dem Titel des US-Magazins „Paper“ in die Knie zwingen. Kim Kardashian ist Popo-Queen und die kleine Prinzessin der Generation Duckface.

Im amerikanischen Verlag Rizzoli ist ein kleines, etwas dickeres Buch, man kann sagen im Format eines Dachziegels, mit vielen, mit sehr vielen Selfies von ihr erschienen. „Selfish“ lautet der Titel, Selfies auf 400 Seiten, tagebuchartig aus den Jahren 2006 bis 2014, meist mit wenig Klamotte, denn Bikini-Selfies mag sie besonders gern, mit viel Make-up und Haareschön. Übersee überschlug sich die Kulturprominenz vor Freude, auf Instagram wird das Buch jungen Mädchen zur Bibel. „Selfish“ predigt Narzissmus und Selbstinszenierung, das stört die Kunstkritik nicht. Ein bekannter Kunstkritiker vergleicht sie mit Andy Warhol, aber nicht etwa, weil es einer ganzen Fabrik an Mitarbeitern bedarf, um ihr Äußeres in mühsamer Arbeit Tag für Tag aufs Neue entstehen zu lassen, sondern weil sie wie er eine Fiktion kreiert. Im Buch selbst wird wenigstens eine Fiktion aufgelöst.

Eine virtuelle Realität aufrechtzuerhalten macht viel Arbeit. Denn zwar erfreut sich Kim Kardashian noch nachts im Bett an ihrem makellosen Make-up, weshalb noch schnell ein Foto gemacht warden muss. Nur: Schnell ist gut gesagt, sie braucht gern mal 20 Anläufe, bis auch das Selfie sitzt.

Ryan McGinley / @ryanmcginleystudios

Goodnight NYC @botticelliangels #dickthedog

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She's cracked

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Ryan McGinley hat einen Hund, er heißt Dick. Sein Besitzer freut sich, wenn laut Dick gerufen wird. Auf Instagram ist er als #dickthedog unterwegs, die beiden haben über 150.000 Follower. Außerhalb der App ist Ryan McGinley als der Fotograf bekannt, der als jüngster Künstler im Whitney Museum ausgestellt wurde. Mit Gleichaltrigen reiste er regelmäßig durch das Land. Auf diesen Roadtrips entstanden ikonische Bilder, die eine Generation junger Amerikaner einfing, wie sie schwerelos über Wiesen schwebt, durch die Luft purzelt und durch die Nacht saust, sie erzählen vom Abenteuer, von Zufälligkeiten und von Möglichkeiten. Einst inszenierte er den Traum von einem Leben voller Leichtigkeit und Sorglosigkeit, immerzu in Bewegung, umgeben von Vitalität und Schönheit.

Auf Instagram ist er inzwischen wieder, wo er zu Beginn seiner Karriere als Fotograf war: ganz nah bei seinen Freunden und seiner Familie. Selten zeigt er seine Arbeiten, auf Instagram ist Dick die Hauptperson, dort springt er über Wiesen, klettert auf Felsen und badet in Bächen. Wenn Dick nicht gerade die Nägel lackiert bekommt oder McGinley mit seinem Lover, beide mit Fahrradhelmen auf den Köpfen, vor der Kamera knutscht, trällert seine Mutter Mary vergnügt tanzend und klatschend Lieder.

Ryan McGinley stört sich nicht daran, dass er nur einer von vielen ist. Ganz im Gegenteil, er spielt mit der Leichtigkeit und Unverbindlichkeit des Mediums, das ihn ein Kontrastprogramm zu seinen aufwendig produzierten Studioporträtserien und Roadtrips teilen lässt. Freilich, man kann Instagram als Spaß-und-Gratis-Rampe abtun und als weiteren Zeitfresser ignorieren. Dann sieht man aber nicht, wie Instagram für Fotografen wie Ryan McGinley zur Spielwiese und zum Experimentierfeld wird.


Anika Meier

Anika Meier

lebt und arbeitet als freie Autorin in Hamburg. Für das Monopol Magazin schreibt sie regelmäßig über Kunst und soziale Medien. Sie instagrammt als @gert_pauly und spielt mit der @thisaintartschool.