WER SCHREIBT BESSER?

Ein Streitgespräch

Algorithmen bestimmen Inhalte – das ist eine Vision, die von manchen gefürchtet, von manchen herbeigesehnt wird. Doch was denken diejenigen, die es direkt betrifft? Die Journalisten Tino Scholz und Sead Husic über das Für und Wider von Schreib-Bots.

ts. Blicken wir der Realität ins Auge: Die Welt, wie wir sie kennen, wandelt sich in immer schnellerem Tempo. Kein Stein bleibt auf dem anderen, Disruption verändert den Status quo allerorten. Alles wird digitaler, einfacher, im besten Fall kostengünstiger. Wird es auch besser? Das wird sich noch zeigen müssen. Was klar ist: Die gesamte Bandbreite der Gesellschaft ist nicht gefeit vor dem Wandel. Journalisten auch nicht. Auch wenn es sich anfühlt, als seien wir Journalisten die Letzten, die das wahrhaben wollen. Warum ausgerechnet wir, die Verfechter des Kreativen? Das ist momentan der Ton, der in der Branche Einzug gehalten hat. Wir sind die Guten, die Roboter die Bösen. Die Journalisten sind immer noch gepeinigt vom andauernden, schleichenden Untergang ihrer Printbranche und dem Umzug ins ungeliebte Digitale, da kommt schon der nächste Tsunami auf sie zu. Roboter drohen, das Gewerbe zu disrupten, ja. Doch die Frage ist immer noch: Wie gehen wir Journalisten damit um? Unsere Branche kennt sich gut aus mit der Entwicklung von neuen Technologien, immerhin hat sie sich im Laufe seiner mehr als 2.000 Jahre währenden Geschichte jeweils der neuesten Trends bedient. Meilensteine waren die Erfindung des Buchdrucks in der Renaissance, die Entwicklung der Informationsübertragung im 19. Jahrhundert durch die Telegrafie sowie die Erfindungen des Hörfunks (um 1920) und des Fernsehens (um 1950). Anfang der 90-er Jahre kam der Onlinejournalismus im Internet dazu. Der Journalismus hat sich ständig weiterentwickelt, 

sh. Mal angenommen einer der neuartigen, sogenannten Schreibroboter (eigentlich sind es ja nur Algorithmen) würde den vorliegenden Artikel generieren. Was stünde dann an dieser Stelle? Natürlich ein ordentlicher Artikel, der – basierend auf der Sammlung und Auswertung von Zahlen, Daten, Fakten, etwa aus dem World Wide Web – dem Leser erklären würde, weshalb der Mensch eine seiner wichtigsten Kulturtechniken nicht einem digital gesteuerten Automatismus überlassen sollte. Vielleicht würde der Leser in dem Artikel Argumente großer Philosophen vorfinden. Zitate von Kant, Hegel oder dem Bestsellerautor und Semiotiker Umberto Eco, der einer fortschreitenden Digitalisierung ohnehin skeptisch gegenüberstand. Möglicherweise verwiese der zusammengestöpselte Artikel auch auf die noch bestehenden Defizite der KI, sprich der künstlichen Intelligenz, die es ja braucht, um eine kreative Arbeit, wie es das Verfassen von Texten nun einmal ist ausführen zu können. Es wäre sogar möglich, dass der Algorithmus so gut programmiert ist, dass er die Ironie an der Sache, einen Text schreiben, Entschuldigung!, generieren zu müssen, der gegen den Verfasser, also sich selbst, gerichtet ist, in seinen Artikel mit einfließen lassen würde. Der Leser bekäme den Eindruck, hier schreibt „jemand“ oder „etwas“, weil es auch seine/ihre eigene Position, um nicht zu sagen Haltung, überdenkt. Das alles wäre möglich. Nur eines werden Sie in solchen Texten nicht vorfinden. Unbehagen, Bedenken, Widerstand – Gefühle. Genau davon aber leben

Warum haben wir eigentlich solch eine Angst vor den Robotern? 

stehen geblieben ist er nie. Nur die Anpassung, die hat mit der fortschreitenden Digitalisierung immer länger gedauert. Der Switch hin zu Social Media etwa war für viele Journalisten zu Beginn schwierig. Sie, die sich eher darauf verstehen, in Gedanken versunken bedeutungsschwere Texte zu schreiben, mussten auf einmal in Echtzeit twittern, was das Zeug hält. Umstellungen dauern manchmal eben ihre Zeit, mittlerweile gehört die Social-Media-Pflege zum Standard. Und jetzt also Roboter. Herrje! Natürlich bedrohen sie auf eine noch recht abstrakte Weise unsere Jobs. Doch es wäre verkehrt, nur an allem Alten festzuhalten und das Neue zu verdammen. Seien wir doch mal wieder optimistisch! Roboter können uns Journalisten ja eine Menge abnehmen, was uns lästig ist: Recherche, Auswertung von Daten. Sie könnten der Türöffner sein für eine ungeahnte Tiefe an Inhalten, sie könnten uns Raum geben für mehr investigative Arbeit. Schöne neue Journalistenwelt. Bis zu einem gewissen Punkt, versteht sich. Denn, was wäre, wenn es doch so weit kommt, dass Roboter dahingehend programmiert werden können, dass sie emotionale Reportagen und bedeutungsschwere Essays schreiben? Nehmen sie dann wirklich uns allen die Arbeit weg? Sollen sie es doch wagen! Wer sagt denn, dass Maschinen besser sind als der Mensch? Warum haben wir eigentlich

Texte. Und dabei spielt es keine Rolle, ob sie gut oder schlecht geschrieben oder voller grammatikalischer und orthografischer Fehler sind. Natürlich sprechen wir hier nicht von Wetter- oder Quartalsberichten, von Börsennews, Kurzmeldungen und Sportnachrichten. Die können gerne von den Algorithmen erzeugt werden. Arbeitsplätze gehen da keineswegs verloren. Schon heute nutzen Nachrichtendienste wie die Associated Press oder Tageszeitungen wie die Washington Post Schreibroboter, um News abzusetzen, für die sie keine Mitarbeiter abstellen wollen. Geschenkt. Aber worum es ja geht, ist die nächste Stufe. Der „Hot-next-level-shit“ soll ja sein, dass Bots ganze Magazine und Zeitungen produzieren. Dass das möglich ist, bewies 2016 der IBM-Superrechner Watson, der die Lifestyle-Zeitschrift „The Drum“ in Eigenregie gestaltete. Er suchte alle Bilder zusammen, setzte Texte und zeigte so etwas wie ästhetisches Gespür. Möglich war dies, nachdem er mit Tausenden von Daten der Kreativ-Award-Gewinner des Cannes Lions International Festival of Creativity gefüttert wurde. Man füge Watson nur noch den Software-Algorithmus für die Textredaktion hinzu, fertig wäre die künstliche Redaktion. So behaupten es zumindest die KI-Adepten, wie IBMs Chefentwickler David Kenny, die ihre Arbeit ja schließlich immer noch verkaufen müssen. Tatsache ist, die Ausgabe von „The Drum“ war o.k.

Wer sagt denn, dass Maschinen besser sind als der Mensch?

solch eine Angst vor ihnen? Qualität setzt sich am Ende durch. Wir Journalisten denken ja immer, dass die Welt nicht ohne uns leben könnte. Nehmen wir also das Duell mit den Algorithmen an und zeigen den Robotern, wer am besten schreiben kann. Der Wettkampf kann nur förderlich sein und ein Antrieb. Journalisten sind nicht davon ausgenommen, sich in der heutigen Zeit auch selbst zu disrupten. Und zwar schnell, bevor es die Roboter tun. Sie zwingen uns dazu, nicht mehr nur einfache Schreiber zu sein, sondern auch Contentmanager, die die Roboter nach ihren Bedürfnissen steuern können. Und schlussendlich sind es menschliche Eigenschaften wie Empathie und die Fähigkeit zur situativen Einordnung von Ereignissen, die den Robotern abgehen und mit denen der menschliche Journalist Eindruck schinden kann – sprich: Er ist derjenige, bei dem die Hoheit über das schön geschriebene Wort liegen wird. Am Ende könnte der Einsatz von Robotern also mehr positive als negative Effekte haben. Der Journalist, der im Zuge von Fake News und Digitalisierung überflüssig geworden zu sein scheint, würde eine neue Aufwertung erfahren. Das Signal an die Gesellschaft wäre: Seht her, unsere Arbeit ist immer noch besser. Der Wandel, das zeigt die Vergangenheit und das zeigt sich an diesem Beispiel, bedeutet auch immer eine Chance. Wir, die Journalisten, müssen sie nur sehen.

Sie sorgte kurzfristig für Aufsehen. Berauschend war sie nicht. Kein Wunder, denn sie kombinierte ja auch bloß Gestaltungen, mit denen sie zuvor programmiert worden war. Kreativität entsteht so nicht. Genauso wie auch keine originären Texte von einer künstlichen Intelligenz geschrieben werden können. Sie kann nur nach bestimmten Vorgaben aus den Textsteinbrüchen neue Texte zusammenstellen. Sicher, sie kann das fehlerfrei, in Bruchteilen von Sekunden, ohne jemals zu ermüden. Aber sie tut es, ohne darüber zu reflektieren, ohne Sinn und Verstand, ohne jegliches Gefühl. Genau das braucht es aber für guten Journalismus, für Texte, die dem Menschen auch wirklich etwas vermitteln. Hätte ein Algorithmus diesen Artikel gebastelt, könnte er zwar Definitionen für das Wort Kreativität liefern und erläutern, dass das Wort erst vor wenigen Jahren aus dem Englischen „Creativity“ eingedeutscht und dass es ursprünglich mit „Fantasie“ übersetzt wurde. Aber verstehen, was „Fantasie“ ist, würde der Algorithmus nicht. So entstehen aber keine neuen originellen Texte. 1959 berichtete die New York Times über die Ermordung einer vierköpfigen Familie in einem kleinen Ort namens Holcomb. Ein junger Reporter las den Bericht und entdeckte, dass mehr in dieser Geschicht steckte. Er fuhr an den Ort des Geschehens, recherchierte und schrieb darüber ein Buch. Damit schuf er ein neues Genre: den Tatsachenroman und beeinflusste eine ganze Generation von Journalisten und Schriftstellern. Der Autor war Truman Capote und sein Roman „Kaltblütig“ zählt zu den herausragenden Werken der Weltliteratur. Wie sollte ein Schreib-Algorithmus jemals so etwas zustande bringen?


Tino Scholz

Tino Scholz

ist Senior Editor bei muehlhausmoers in Berlin. Er sagt: „Technik mag sich ändern. Meine Liebe zu besonderen Geschichten wird nie aufhören.“

Dr. Sead Husic

Dr. Sead Husic

lebt und arbeitet als Journalist und Fotograf in Berlin.