Social Brasil

EARLY ADOPTER

IM AUFBRUCH

Instagram Stories, Facebook Moments, Snapchat – die Brasilianer sind ungemein aktiv in den Sozialen Medien. Kein Wunder, dass das Land damit auch zu den weltweit größten Early Adopter Nationengehört. Doch warum ist das so? Eine Spurensuche.

Nach einem Wochenendtrip am Strand sitze ich im Bus zurück nach São Paulo und vertreibe mir die Zeit mit dem üblichen Scrollen auf Instagram. Ich merke dabei schnell: Dieser Sonntag ist kein gewöhnlicher Sonntag. Es ist Muttertag. In Brasilien bedeutet das weit mehr als das minimalistische SMS-Verschicken, wie es ja in Deutschland eher üblich ist. Hier gleicht der Tag einem Nationalfeiertag und mein Feed besteht hauptsächlich aus Fotos von meinen Freunden und ihrer Mütter.

Brasilianer wählen dazu das richtige Foto aus, verzehren es mit Stickern und schreiben einen langen, ausführlichen Text um Ihre Dankbarkeit auszudrücken. Es wird geliked, geteilt und kommentiert was das Zeug hält und ich merke wie die Gelegenheitsposts meiner Freunde in Deutschland in dem Meer von Beiträgen untergehen.

An solchen Tagen zeigt sich, wie sehr sich der Umgang mit Sozialen Netzwerken in Brasilien von Deutschland unterscheidet. Brasilianer sind grundsätzlich kommunikativer als die Deutschen und der regelmäßige Austausch über Alltägliches gehört in den Sozialen Medien dazu. Auch wenn es nur ein kurzer "Papo" (Smalltalk) ist, ist es hier wichtig, dass man sich mitteilt und alle einander kennenlernen. Brasilianer sind "confident social beings", heißt es, also zu Hause in den Sozialen Medien. Der Umgang miteinander im wahren Leben unterscheidet sich nicht wirklich von dem im virtuellen Leben.

Um dem Ganzen etwas näher auf den Grund zu gehen, habe ich in der „Social Media“ Abteilung meiner Agentur um ein paar Studien zu dem Thema gebeten. Wir betreiben Online Marketing für große brasilianische und internationale Konzerne und haben dadurch einen guten Überblick über das Verhalten der Kunden.

Die Zahlen sind eindeutig: Brasilianer verbringen 7,3 Stunden pro Monat mehr in Sozialen Netzwerken als Europäer und US-Amerikaner. Sie stehen damit nach Argentinien auf Platz zwei in Lateinamerika. In Brasilien gibt es bereits mehr Smartphones als Einwohner. So aktiv wie die Südamerikaner sind die Deutschen bei weitem nicht. Im Gesamtvergleich nutzt nur jeder zweite überhaupt Soziale Netzwerke.

Und wenn es einen Gegenstnd gibt, der die Social-Media-Affinität der Brasilianer darstellt, dann ist das, neben dem Smartphone natürlich, der Selfiestick. Der erfreut sich in Brasilien großer Beliebtheit und kommt vor allem auf Reisen zum Einsatz. Über die Hälfte der befragten Brasilianer geben an, dieses Gadget auf ihren Reisen zu benutzen.

Was das mit Social Media zu tun hat? Ganz einfach: Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte hat das nationale und internationale Reisen für viele Brasilianer überhaupt erst möglich gemacht. Egal ob mit der Freundin nach Paris, mit den Kindern ins Disneyland oder ein Englischkurs in Dublin: Was wir in Deutschland seit Generationen als vollkommen normal empfinden, ist für viele Menschen aus Brasilien ein absolutes Novum und wird entsprechend in den Sozialen Medien geteilt. Eine Studie mit Teilnehmern aus über 20 Ländern zeigt, dass 58 Prozent der Brasilianer auf ihren Reisen regelmäßig posten. Bei den 23-25 Jährigen steigt der Prozentsatz dabei sogar auf 70%. Und die nutzen eben ganz besonders häufig den Selfiestick.

Im Eiltempo entdecken die Brasilianer die neuesten Features der Anbieter der Sozialen Medien. Das von Snapchat inspirierte Feature “InstaStories” ist dabei besonders beliebt und gibt der Fotoplattform eine vollkommen neue Dynamik. In Mini-Videos werden alltägliche Momente mit Filtern, Texten und Kritzeleien bearbeitet und für die nächsten 24 Stunden veröffentlicht. Das Leben von Freunden und Bekannten ist damit noch besser zu verfolgen und man kann mittlerweile Stunden damit verbringen sich durch die Clips zu blättern. Fragen wie "Und was hast du am Wochenende gemacht?" erübrigen sich immer mehr denn die "Always-On"-Generation steht im stetigen Austausch von Informationen und Status.

In einer Zeit, in der die Forschung zu Vor- und Nachteilen der zunehmenden Vernetzung in den Sozialen Medien noch nicht sehr ausgereift ist, ist es interessant zu sehen, wie sich die Dinge in einer jungen Gesellschaft wie Brasilien entwickeln. Das Internet und die Sozialen Medien bieten hier vielen Menschen Möglichkeiten der Mobilität und Teilhabe, die zuvor aufgrund ihrer ökonomischen Lage unmöglich waren. Auf der anderen Seite durchlebt auch Brasilien gerade politisch und wirtschaftlich turbulente Zeiten.

Und so bleibt es nur zu hoffen, dass die Ansammlung von Nutzerdaten und Informationen nicht irgendwann zum Nachteil der Bürger genutzt werden.


ALEXANDER MOERS

ALEXANDER MOERS

lebt seit 2015 in Brasilien. Dort arbeitet er in der Werbebranche. Dem Sprichwort „In São Paulo wird gearbeitet, in Rio gelebt“ stimmt er zu. Aber zum feiern kommt er dennoch. Die Paulistanos nutzen dafür jede Gelegenheit und die Clubszene ist besser als in New York.