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Trennung im Beruf: So geht's richtig

Boxhandschuhe auf einem gelb-blauen Hintergrund
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Die Berliner Paartherapeutin Vera Matt kennt sich mit Beziehungskrisen und Trennungen aus. Wir haben sie gefragt, was eigentlich passiert, wenn Arbeitsbeziehungen auseinandergehen. Arrow Down

Frau Matt, normalerweise beraten Sie Menschen, die in einer privaten Beziehungskrise oder Trennungssituation stecken. Lassen sich da überhaupt Parallelen zum Arbeitsleben ziehen?

 Man kann das nicht eins zu eins übertragen, aber ja, es gibt schon Ähnlichkeiten. Die Gefühle, die in solchen Situationen entstehen, die Prozesse, die da ablaufen und auch die Art und Weise wie wir damit umgehen, sind vergleichbar. Private und berufliche Beziehungen scheitern tatsächlich oft aus ganz ähnlichen Gründen. 

Aber geht es im Beruf und in der Liebe nicht um ganz unterschiedliche Fragen?

Auf den ersten Blick macht es natürlich einen großen Unterschied, ob mein Partner mich verlässt, ich gekündigt werde, mein Mitarbeiter das Handtuch wirft oder eine langjährige Kundenbeziehung endet. Dahinter steht aber fast immer ein Wertekonflikt. Nehmen Sie zum Beispiel ein Szenario, in dem ein Partner eine Beziehung sucht, in der man miteinander wächst und sich weiterentwickelt, der andere aber einfach nur nicht allein sein möchte und Veränderung sogar fürchtet. Oder ein Unternehmen, das eine Mitarbeiterin sucht, die systematisch vorgegebene Aufgaben abarbeitet, die Mitarbeiterin sich allerdings kreativ im Beruf verwirklichen will. In beiden Szenarien passen die Partner auf Dauer natürlich schlecht zueinander.

Am Anfang geht das noch gut, aber irgendwann merken beide, dass es nicht mehr passt?

 Das ist eine Möglichkeit. Oft stimmen die Werte allerdings von Anfang an nicht überein. Da schreibt ein Unternehmen dann zum Beispiel in der Stellenanzeige über flache Hierarchien und kreative Aufgaben, während in Wirklichkeit ganz andere Werte gelebt werden. Natürlich zieht das dann die falschen Kandidaten an. Umgekehrt geben auch Bewerber gern mal Fähigkeiten und Haltungen an, die sie eigentlich gar nicht haben. Oft wollen beide Seiten damit gar nicht bewusst täuschen, sondern haben einfach ein schiefes Selbstbild und wissen nicht so genau, um was es ihnen im Beruf geht, wofür sie stehen und was sie erreichen wollen.

Irgendwann kommt dann das böse Erwachen.

Tatsächlich empfinden das viele Betroffene so. „Die Kündigung kam aus heiterem Himmel“, heißt es dann oft – sowohl beim Arbeitnehmer als auch beim Arbeitgeber. Wenn man nachfragt, zeigt sich aber nicht selten, dass es durchaus Vorboten gab. Einerseits das oft belächelte, aber sehr zuverlässige Bauchgefühl. Andererseits auch ganz konkrete Zeichen: Informationen gehen an einem vorbei, Respektlosigkeit und Unachtsamkeit schleichen sich ein. Auch das läuft in privaten und unternehmerischen Beziehungskrisen ganz ähnlich. Die Betroffenen wollen die Warnzeichen meist nicht wahrhaben und ignorieren sie. Das liegt sogar in unserer Natur: Menschen scheuen in der Regel Konflikte und Veränderungen. Wir lügen uns lieber vor, dass alles noch in Ordnung ist als den Tatsachen in die Augen zu sehen. Wenn die Trennung dann kommt, trifft uns das umso härter.

„Menschen scheuen in der Regel Konflikte und Veränderungen.“

Und dann folgt der Liebeskummer?

 Ja, vor allem, wenn die Trennung nicht von einem selbst ausging. Das ist auch bei Unternehmen so. Nach jeder Trennung beginnt dann ein Prozess, der sich grob in sechs Phasen unterteilen lässt. Zunächst ist das tatsächlich so etwas wie Liebeskummer: Man ist in Schockstarre, fühlt sich innerlich leer, kraftlos, hat keinen Appetit. Danach tritt Ungläubigkeit ein. Man will nicht wahrhaben, was passiert ist, kann nicht akzeptieren, grübelt über die Gründe und sehnt sich nach einer Art Zeitmaschine: Es muss doch möglich sein, alles nochmal rückgängig zu machen! In Phase 3 kommt dann die große Wut. Man schimpft und lästert, macht sich Luft. Manchmal kommt es in dieser Phase auch zu unüberlegten Handlungen, zum Beispiel Racheakten gegenüber dem oder der Ex. Das sollte man sich natürlich unbedingt verkneifen, Wut und Zorn aber auch nicht wegdrücken, weil diese Gefühle sonst in Hilflosigkeit und Depression umschlagen.

Wie gelingt es, in dieser Phase die berühmte Schlammschlacht zu vermeiden?

— Indem man bei sich selbst bleibt und sich einer Inventur unterzieht: Was kann ich daraus lernen? Wie kann ich das Beste daraus machen? Viel besser als destruktives Verhalten, Rache oder Rufschädigung ist es doch, sich so zu verändern, dass die alte Firma, der alte Kunde oder Partner es zutiefst bereut, die Verbindung gelöst zu haben. Wenn die Wut zu groß ist, kann man sich mental rächen, sich die schlimmsten Dinge in Gedanken ausmalen. Nach einiger Zeit hat man dann keine Lust mehr auf diese Tagträume, sie beginnen zu langweilen.

Das klingt alles ziemlich anstrengend…

 Ist es auch. Gleichzeitig gibt es eine gute Nachricht: Richtig kanalisiert lässt sich Wut in Energie umwandeln. Sie gibt einem unwahrscheinliche Kraft, Dinge zu klären und Veränderungen anzuschieben. Man kann sich die entscheidenden Fragen stellen und sie auch ehrlich beantworten: Was ist eigentlich genau passiert? Habe ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht? Wo will ich wirklich hin, was brauche ich?

Und danach bin ich bereit für die nächste Arbeitsbeziehung?

Ein bisschen dauert es noch. Nach der Wutphase kommt oft noch einmal ein Rückfall. Man weiß ja jetzt, was am alten Arbeitsverhältnis falsch gelaufen ist, und  was sich ändern müsste, damit es beim nächsten Mal besser läuft. Viele suchen jetzt noch einmal den Kontakt mit dem Ex-Arbeitgeber, dem Mitarbeiter, der gegangen ist oder dem ehemaligen Geschäftspartner. Es geht darum, auszuloten, ob die Zusammenarbeit mit ein paar Veränderungen doch wieder möglich wäre. Wenn es dann tatsächlich kein Zurück mehr gibt, tritt erstmal Traurigkeit über den endgültigen Verlust ein. Man muss Abschied nehmen und akzeptieren, dass es wirklich vorbei ist. Danach geht es endgültig aufwärts: In Phase 6 kehren Hoffnung und Lebensfreude zurück – und man ist bereit für Neues.

Oder man kehrt doch wieder zum alten Partner zurück.

Das ist auch möglich. Aber nur, wenn beide Seiten es schaffen, sich wirklich auf Veränderungen zu einigen und die dann auch zu leben.

Sie klingen nicht besonders überzeugt.

 Wenn meine Patienten in der Therapie überlegen, ob sie sich wieder auf eine Beziehung mit dem Expartner einlassen sollen, bitte ich sie immer, sich eine Frage zu stellen: Was kostet es mich, wenn ich zurückkehre – heute, morgen, in einem Jahr? Und was, wenn ich jetzt loslasse? Oft ist das Ergebnis, dass die „Kosten“ für das Zurückkehren zu hoch sind, weil man sich – im Gegensatz zum Ex –  im Trennungsprozess verändert hat und über die Beziehung sozusagen hinausgewachsen ist. Das zeigt sich interessanterweise auch bei Programmen nach dem Motto „So gewinnen Sie Ihre/n Ex zurück“, die manche Kollegen von mir anbieten. Teilnehmende, die das ernsthaft durchziehen, kommen letztendlich fast immer zu dem Schluss, dass sie den oder die Ex gar nicht mehr zurückwollen. Das dürfte in Arbeitsbeziehungen ganz ähnlich sein.

„Im Grunde ist es wie beim Flirten: Da geht es ja auch nur weiter, wenn das erste Gefühl passt.“

Wie lassen sich die alten Fehler in einer neuen Beziehung vermeiden?

 Das geht bei der Kommunikation im Vorfeld los: Alle Beteiligten sollten ehrlich darüber reden, welche Werte sie wirklich leben. Ganz wichtig ist auch das schon erwähnte Bauchgefühl. Wer schon beim Vorstellungsgespräch oder dem ersten Treffen mit dem potenziellen Geschäftspartner ein schlechtes Gefühl hat, sollte sich zweimal überlegen, ob die Verbindung wirklich passt. Im Grunde ist es wie beim Flirten: Da geht es ja auch nur weiter, wenn das erste Gefühl passt.

Oft folgt die Ernüchterung aber doch erst nach dem aufregenden Flirt.

 Wenn das passiert und man wieder in einer Situation landet, in der die eigenen Werte und die des Partners nicht übereinstimmen, sollte man das aus meiner Sicht sofort offen ansprechen. Und dann auch schnell die Notbremse ziehen, wenn sich nichts ändert.

Beruflich ist das schon aus finanziellen Gründen manchmal nicht so leicht.

Es gibt natürlich Situationen, in denen es schwierig bis unmöglich ist, nur seinen Werten und Vorstellungen zu folgen. In solchen Fällen ist mein Rat, die Lage erst einmal zu akzeptieren und sich einen Ausgleich im Privaten zu schaffen. Langfristig glaube ich aber, dass es in jeder Situation viel mehr Veränderungsmöglichkeiten gibt, als viele denken. Und dass es sich auch lohnt, danach aktiv zu suchen. Wir verbringen so viel Zeit mit unserer Arbeit. Das ist Lebenszeit. Und die sollten wir nicht mit Dingen verschwenden, die uns nicht guttun.

Portrait Vera Matt

Vera Matt arbeitet seit mehr als 20 Jahren als selbständige Paartherapeutin. In ihrer Praxis bietet sie Coaching und Psychotherapie an. Onlinekurse, zum Beispiel zum Umgang mit Untreue, gehören ebenfalls zu ihrem Angebot. Matt lebt und arbeitet in Falkensee bei Berlin.